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Keine Zukunft ohne Stau und schmutzige Luft?

Anja Bröker (WDR) moderierte die Diskussion der Oberbürgermeister Dudda (Herne), Schranz (Oberhausen) und Tischler (Bottrop)

Fachsymposium „Citylogistik für das Ruhrgebiet“ sucht Antworten auf die drängenden Verkehrsfragen +++ Frachtaufkommen seit 2000 verdoppelt +++

Das Zauberwort von Dr. Frank Dudda (SPD) heißt „HeLM´19“!
Hinter der Wortschöpfung verbirgt sich kein neuartiger Kopfschutz, wie man spontan vermuten könnte. „HeLM´19“ kürzt die Bezeichnung „Herne Letzte Meile“ ab, steht für ein umweltschonendes Konzept der „Warenanlieferung bzw. -abholung in emissionsfreien und verkehrsberuhigten Zonen“, das Hernes OB noch in diesem Jahr (2019) realisieren will.
NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst (CDU) fasst einen Teil seiner Vision vom Innenstadtverkehr der Zukunft ebenfalls unter ein Schlagwort: „Amazon Prime Now“. Dieser neue Service des Giganten im Onlinehandel, der Warenanlieferung innerhalb einer Stunde nach Bestellung verspricht, erzeugt bei Verkehrsplanern jedoch eher albtraumnahe Bilder. Wüst: „In München und Berlin wird das Konzept bereits erprobt. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich die Praxis vorzustellen. Wer Zutaten fürs Abendessen vergessen hat, bestellt vor Verlassen des Büros noch schnell bei Amazon. Deren Lieferwagen rollen dann in den Berufsverkehr und stellen sich im Stau dazu...“
Zwei Schlaglichter einer lebendigen Debatte beim Fachsymposium „Citylogistik für das Ruhrgebiet“, zu dem die Brost-Stiftung in den Lokschuppen Bottrop eingeladen hatte. Mit einer klar formulierten Zielperspektive: „Eine deutliche Verminderung der Stau-, Lärm- und Schadstoffbelastungen ist zwingend erforderlich, um nicht nur die Lebensqualität der Bewohner im Ruhrgebiet zu verbessern, sondern auch die hiesige wirtschaftliche Prosperität weiterhin garantieren zu können.“

Dabei zeigte das Podiumsgespräch zwischen OB Dudda und seinen Kollegen aus Oberhausen (Daniel Schranz/CDU) sowie Bottrop (Bernd Tischler/SPD), wie unterschiedlich die Herausforderungen der Ruhrgebietsmetropolen beim Finden der Balance zwischen Wohlstand und Wohlbefinden sind. Herne will ein dezentrales Zustellkonzept realisieren, mit selbst konstruierten elektrischen Transportfahrzeugen (eCUV/electronic Compact Utility Vehicle), deren Batterien sogar aus regionaler Fertigung stammen sollten. Bottrop setzt u.a. auf den Ausbau des Fahrradverkehrs mit 30 neuen Fahrradstraßen. Und hat natürlich auch ein Zauberwort für den Cityverkehr der Zukunft: "LOUISE" steht für "LOgistik Und Innovative SErvices für urbane Regionen am Beispiel der Emscher-Lippe-Region".
In Oberhausen sind zukunftsträchtige Verkehrslösungen in erster Linie bedeutend für die wirtschaftliche Entwicklung. Ein großer Lebensmittel-Discounter siedelt sein Logistikzentrum auch deshalb hier an, weil mit einer neu gebauten Straße Anbindung an die A3 geschaffen wird. OB Schranz: „Der Lieferverkehr wird deutlich ansteigen, vor allem in den Nachtstunden. Hier brauchen wir Lösungen zum Schutz der Bevölkerung, beispielsweise durch lärmgedämpfte Lkw.“

Die Vielzahl innovativer Vorschläge wird allerdings nach Einschätzung von Professor Dr. Christian Holz-Rau an einem Kernproblem nichts ändern: „Verkehr und Stau werden nicht weniger werden!“. Mit einem eindrucksvollen Zahlenwerk belegte der Verkehrsplaner von der TU Dortmund seine Prognose:
„Seit 2015 pendeln in NRW mehr Menschen zum Arbeiten in benachbarte Gemeinden, als in der Heimatstadt arbeiten. In Münster als Fahrradhauptstadt erhöht sich jedes Jahr die Zahl der Radler – aber auch die Anzahl der Autos! Jede Lücke wird genutzt.“ Es werde keine Reduzierung des Autoverkehrs und auch keine Verlagerung auf die Schiene geben. Das Frachtaufkommen hat sich seit dem Jahr 2000 verdoppelt. „Die Verkehrsnetze sind nicht nennenswert ausbaubar, außerdem rächt sich, dass wir jahrelang die Instandhaltung versäumt haben. Das deutsche Mobilitätssystem verliert im internationalen Vergleich den Anschluss!“
Diesen Zukunftsperspektiven will Wüst mit Milliardenaufwand kluge Verkehrslösungen im Ruhrgebiet entgegenstellen: „Wir müssen erst die richtigen Fragen stellen, dann die Antworten darauf finden. Wie können wir den ÖPNV attraktiver machen? Welches sind die Antriebe der Zukunft? Wie bleiben die Innenstädte lebenswert?“ Bis zum Herbst 2019 sollen Antworten gemeinsam mit den Ruhrgebietsstädten gefunden werden, dann die Umsetzung starten.

Als Vorbild in einigen Bereichen könnte die Logistik-Initiative Hamburg dienen, die Geschäftsführerin Carmen Schmidt in einem Vortrag vorstellte. Wüst: „Wir wollen nicht das Rad neu erfinden, in vielen Städten auf der ganzen Welt werden bereits gute Ideen umgesetzt. Davon sollten wir uns die besten aussuchen. Unter Berücksichtigung der individuellen Herausforderungen einer jeden Ruhrgebietskommune.“ Verbesserungen der Verkehrslogistik seien entscheidend an einen Ausbau der digitalen Infrastruktur geknüpft.
„Wer das Verhalten der Leute ändern will, muss sie mit dem Besseren locken“, regte Professor Bodo Hombach, Vorstand der Brost-Stiftung, an. „Neue Gedanken sind gut. Neues Denken ist besser. Im täglichen Stau auf der A40 haben wir Ruhris viel Zeit dafür. Es gilt, festgefahrene Strukturen aufzubrechen. Bei Verkehrsbetrieben, in Parteibüros und Fraktionen. Und ganz wichtig: Auch in den Köpfen der Nutzer.“

Bilder: (c) Mike König / Brost-Stiftung

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