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Aufklärung nimmt AIDS den Schrecken

Brost-Stiftung fördert „Jugend gegen Aids“-Kampagne. Unterstützt von Prof. Hendrik Streeck, einem der weltweit renommiertesten HIV-Experten

Warum stecken sich immer noch Menschen mit dem HI-Virus an, obwohl es wirksame Prophylaxe gibt? Nicht nur über diese Frage berieten in der ersten Novemberwoche Forscher bei der 17. Europäischen Aids-Konferenz in Basel. Medikamente und Methoden, um HIV und Aids in den Griff zu bekommen, gibt es. Dennoch stecken sich immer noch Tausende Menschen allein in Deutschland mit HIV an. Angesichts dieser Entwicklung fördert die Brost-Stiftung im Ruhrgebiet eine Präventions- und Aufklärungskampagne des Vereins „Jugend gegen AIDS“, der auch von der Deutschen AIDS-Stiftung unterstützt wird. Darin sollen der Schülerinnen, Schüler sowie die Schulen als langfristige Partner für Aufklärung gewonnen werden.
Getragen vom Verein „Jugend gegen Aids“ werden im Projekt junge Menschen zu „Peer Educaters“ ausgebildet, die einen langfristigen Aufklärungsdialog auf Augenhöhe begleiten können. Denn Stichproben belegen: Das Wissen um sexuell übertragbare Erkrankungen, deren Symptome, sowie Möglichkeiten der Verhütung ist insbesondere unter Jugendlichen nur gering vorhanden.
Gleichzeitig möchte die Brost-Stiftung und „Jugend gegen AIDS“ im Rahmen eines Pilotprojekts in Essen neue Präventionskampagnen gegen HIV sowie weitere sexuell übertragene Infektionen (STIs) evaluieren, um herauszufinden, wie eine dauerhafte Senkung der Infektionsraten am effizientesten erreicht werden.

Bekanter Forscher unterstützt Projekt

Unterstützt wird die Kampagne von Professor Hendrik Streeck (42), einem der renommiertesten Aidsforscher weltweit. In seinem Arzt- und Forscherleben kämpft Streeck mit einem lange Zeit tödlichen Infekt: Der Leiter des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn gehört zu den weltweit erfolgreichsten Aids-Forschern, wurde bereits 2009 mit dem Forschungspreis der Deutschen Aids-Gesellschaft ausgezeichnet. „Ich möchte das Leben von HIV-positiven Menschen verbessern“, sagt Streeck. Am liebsten würde er durch seine Arbeit dazu beitragen, dass sich niemand mehr mit der früher zu 100 Prozent tödlichen Immunschwäche ansteckt.
Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg ist die Erprobung eines neuen HIV Impfstoffes, der ab November in Europa (Italien, Spanien und Portugal) in Kooperation mit Prof. Streeck getestet werden soll. „Die Datenlage ist sehr gut, doch jeder Impfstoffversuch ist wie ein Marathonlauf“, erklärt Streeck. „Trotzdem hoffe ich, dass es noch während meines Lebens einen HIV-Impfstoff geben wird.“ Trotz aller Erfolge in der Bekämpfung und Therapie von HIV hält er sachlich fest: „HIV ist nicht heilbar!“ Aber bei richtiger Prävention kann die Ansteckung verhindert, bei einer Infektion der Ausbruch der Erkrankung Aids unterdrückt werden – mit jeweils einer Pille täglich.
Streeck fördert die Präexpositionsprophylaxe (PrEP), zu der er eine Studie in Essen geleitet hat: „Richtig eingenommen, das heißt regelmäßig jeden Tag eine Tablette, bietet PrEP einen hocheffektiven Schutz vor einer Infektion mit HIV. Es ist also als Präventionsmaßnahme neben dem Kondom extrem sinnvoll.“ Eine Frage zur PrEP treibt den Wissenschaftler derzeit aber um: Werden durch die Einführung der PrEP die Übertragungen von anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen wie die Gonorrhoe oder Syphilis ansteigen oder nicht?

Aufklärung sehr wichtig

Auch unter diesem Gesichtspunkt ist neben der Prävention die Aufklärung bei jungen Menschen ein wichtiger Baustein, um die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten zu vermeiden. Deshalb ist er Partner der Initiative „Jugend gegen AIDS“, in der sich junge Menschen für mehr Informationen und Wissen rund um Sex einsetzen.
Anna Konopka, Vorstandsmitglied des Vereins „Jugend gegen AIDS“ fasst das Konzept zusammen: „Wir bemühen uns, mit Workshops junge Menschen zu informieren, die dann als sogenannte "Peer Educators‘ in ihren Schulklassen Aufklärung leisten.“ Die Aufklärungsworkshops sind für die Mittelstufe (7.–10. Klasse) konzipiert und bestehen aus zwei Blöcken á 90 Minuten. Die „Peer Educators“ lernen auch, eigenständig weitere Aufklärer in den Schulen auszubilden, und ihr Wissen für folgende Klassen weiterzugeben. Konopka: „Mit jeder aufgeklärten Klasse kommen wir dem Ziel von zielgruppengerechter Aufklärung auf Augenhöhe in ganz Deutschland einen Schritt näher. Unsere Workshops sind die Lösung für unzureichende Wissensvermittlung und bilden hier das notwendige Zusatzangebot.“
Professor Streeck ergänzt: „Das Internet ist voll mit Sex, aber es fehlt vielen Jugendlichen ein Gefühl für sexuelle Gesundheit.“ Er wünscht sich ein „entspanntes Verhältnis“ der jungen Leute zum regelmäßigen Arztbesuch. Nur durch Tests ließen sich z. B. Gonorrhoe-Bakterien sicher nachweisen. „Die Betroffenen bemerken den Infekt oft nicht, weil sich die Bakterien nicht selten im Rachen oder Analbereich ansiedeln. Das klassische Brennen beim Wasserlassen tritt also gar nicht auf“, so Streeck. „Aber alles ist abwendbar und mit wenigen Ausnahmen wie Hepatitis B und HIV auch heilbar.“
Die Bedeutung des Arztgesprächs wurde auch beim Aidskongress in Basel hervorgehoben. Ärzte sollten von sich aus öfter sexuell übertragbare Krankheiten thematisieren. Es würde in der ärztlichen Praxis viel zu wenig über Sex gesprochen. Ärztinnen und Ärzte täten sich offensichtlich schwer damit. Es sei wichtig verständlich und ohne Peinlichkeiten zu kommunizieren. Eben hier setzen die „Peer Educaters“ von „Jugend gegen Aids“ an.

Kinderbuch geschrieben

Viren und Bakterien faszinieren Streeck so sehr, dass er darüber sogar ein Kinderbuch („Bug Attack“) in englischer Sprache geschrieben hat. Darin erzählt er die Abenteuer von Damien, einer sogenannten T-Zelle, die gemeinsam mit ihren Freunden z. B. Streptokokken abwehrt, die den Körper angreifen. Die kleinen Leser erfahren auf anschauliche Weise, was im Körper etwa bei einer Erkältungsinfektion passiert.

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