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Wieviel Islam gehört zu Deutschland?

„Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“ – mit dieser einfachen Feststellung löste der damalige Bundespräsident Christian Wulff im Oktober 2010 eine kontroverse Debatte zum Stand der Integration in Deutschland aus, die durch die Flüchtlingsströme aus vornehmlich islamisch geprägten Ländern nach Europa in den vergangenen Monaten an zusätzlicher Brisanz gewonnen hat.

Schirmherr des Projekts ist Bundespräsident a.D. Christian Wulff. Sein heutiges Fazit: "Ich bin immer noch froh, diese Äußerung gemacht zu haben."

Heute sind bereits etwa 5 Prozent der Bevölkerung in Deutschland – ca. 4 Millionen Menschen – Muslime. Diese gesellschaftliche Realität wurde von der Politik lange ignoriert und – teilweise durchaus intentional – negiert. Als Folge kam es gerade in urbanen Zentren mit verhältnismäßig hohem Bevölkerungsanteil muslimischer Migranten zu Ghettoisierungsprozessen und zur Bildung von ‚Parallelgesellschaften’.

Schmelztiegel Ruhrgebiet

Nirgendwo in Deutschland stellen sich diese Herausforderungen unmittelbarer als im Ruhrgebiet. Hier leben Christen und Muslime seit Jahrzehnten nebeneinander – oft jedoch auch nebeneinander her. Viele Muslime fühlen sich nach wie vor nicht als Teil der traditionell christlich und zunehmend säkular geprägten deutschen Mehrheitsgesellschaft – und diese akzeptiert sie auch teilweise noch immer nicht als vollwertige Mitglieder.

Vor diesem Hintergrund stellt die Integration von muslimischen Migranten die deutsche Integrationspolitik speziell im Bereich der Alten- und Jugendhilfe vor große Herausforderungen. Gerade im Jugendalter erfolgen wesentliche Prägungen und Einstellungen zu Normen und Werten, und für eine gelungene Integration ist es von zentraler Bedeutung, die hier lebenden jungen Menschen nicht nur mit den notwendigen fachlichen und beruflichen Kompetenzen, sondern auch mit dem notwendigen Rüstzeug für eine nachhaltige Bindung an die Werte unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung auszustatten. Dies haben Politik und Gesellschaft bei der älteren Generation der hier lebenden Muslime versäumt, weshalb es heute gerade im Bereich der Seniorenarbeit einen erheblichen Nachholbedarf gibt.

An dieser Stelle setzt das auf drei Jahre angelegte Forschungsprojekt der Bonner Akademie an und untersucht die Gründe für die im Alltag fortbestehende kulturelle Distanz zwischen der deutschen Mehrheitsgesellschaft und muslimischen Migranten der jungen und alten Generation, um auf dieser Basis greifbare Ansätze zur Belebung des interkulturellen Austauschs im gesellschaftlichen Alltag und konkrete Projekte der Alten- und Jugendhilfe zu erarbeiten.

Das Projektziel

Ziel des Projektes ist es folglich, auf Basis erfahrungsorientierten Wissens zur erkenntnisgestützten Handlung anzuleiten. Auf der Grundlage einer fundierten Analyse der Situation im Ruhrgebiet und der praxisnahen Evaluation ausgewählter Integrationsprojekte sollen erfolgskritische Faktoren für Integrationsprojekte bestimmt und anschließend konkrete Vorschläge entwickelt werden, die den Begriff des ‚Zusammenlebens’ im täglichen Miteinander der Generationen wirklich mit Leben zu füllen vermögen. Das Erkenntnisinteresse des Projektes orientiert sich hierbei an den Bedürf­nissen der Träger konkreter Integrationsprojekte speziell im Bereich der Alten- und Jugendhilfe im Ruhrgebiet. Als Ergebnis der Projektarbeit sollen ihnen konkrete Hinweise und Empfehlungen an die Hand gegeben werden, die sie auf Basis belastbarer Erkenntnisse in der konkreten Ausgestaltung und Umsetzung ihrer Projekte unterstützen.

Rückblick Den Auftakt des Projektes bildete eine Diskussionsveranstaltung mit seinem Schirmherrn, Bundespräsident a.D. Christian Wulff, zum Thema "Der Islam gehört zu Deutschland – Eine kontroverse Debatte" am 24. Februar 2015 in Bonn. Gemeinsam mit dem Präsidenten der Bonner Akademie, Prof. Bodo Hombach, diskutierte der ehemalige Bundespräsident über seine kontroverse Aussage aus dem Oktober 2010, seine damaligen Beweggründe sowie sein heutiges Verhältnis zu dieser Aussage. Es wurde deutlich, dass die Debatte über die Zugehörigkeit des Islam zu Deutschland, gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse – Anschläge von Paris, Entstehung des IS, Pegida-Demonstrationen, Flüchtlingsst röme nach Deutschland – weiterhin Aktualität genießt. Die erste Projektphase hat durch eine Bestandsaufnahme der Lebenssituation von Migrantenfamilien und des Standes der Integration speziell älterer und jüngerer Menschen im Ruhrgebiet eine fundierte Grundlage für die weitere Projektarbeit gelegt. Auf Basis umfangreicher wissenschaftlicher Recherche, der Ergebnisse einer quantitativen Befragung sowie qualitativer Experteninterviews und Workshops mit Integrationspraktikern findet ab der zweiten Projektphase eine intensive Evaluation von Integrationsprojekten im Ruhrgebiet statt. Die vertiefte Projektanalyse wird flankiert von Experten-Workshops, die in regelmäßigen Abständen renommierte Wissenschaftler und Integrationspraktiker in Essen und Bonn zusammenbringen. Neben neuen Impulsen für die weitere Ausrichtung der Projektarbeit dienen die Foren insbesondere dem Aufbau eines breiten Netzwerkes von Integrationsexperten und -projekten im Ruhrgebiet sowie dem wechselseitigen Austausch von Erfahrungen und Best Practices.

Expertenworkshops, die in regelmäßigen Abständen in Essen und Bonn stattfinden, widmen sich differenzierten Themen, dem Erfahrungsaustausch mit Praktikern und der Erarbeitung konkreter Ansätze zur Belebung des interkulturellen Austauschs im Alltag und konkret in der Alten- und Jugendhilfe.

Während ein erstes ‚Essener Forum‘ am 27. April 2015 zum Stand der Integration von Muslimen im Ruhrgebiet der Forschergruppe die Möglichkeit bot, sich mit Experten und Praktikern über ihre Erfahrungen in der Integrationsarbeit auszutauschen und konkrete Integrationshindernisse sowie aktuelle Herausforderungen zu benennen, thematisierte das ‚Bonner Forum‘ am 12. Mai 2015 das schwierige Verhältnis zwischen Islam und einer säkularen Gesellschaft. Hochkarätige Wissenschaftler aus verschiedenen Fachgebieten zeichneten differenzierte Bilder ‚des Islam’ nach, dessen unterschiedliche, auch im Ruhrgebiet wirkmächtigen Strömungen ein breitgefächertes Verständnis von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und des Verhältnisses von Religion und Staat offenbarten.

Der Situation der älteren Menschen im Ruhrgebiet widmete sich am 17. Juni 2015 das ‚Essener Forum‘ mit dem Thema „Soziale Institutionen im Wandel – Alten- und Krankenpflege in einer multikulturellen Gesellschaft“. Hervorgehoben wurde von Experten aus dem Gesundheits- und Pflegebereich ein erheblicher Handlungsbedarf, um der Benachteiligung älterer Migranten entgegenzuwirken und eine gleichberechtigte Teilhabe im Alter zu fördern. Die Förderung der interkulturellen Kompetenz von Pflegefachkräften, die Verbesserung der Informationsvermittlung sowie die Entwicklung neuer bedarfsgerechter Angebote in der kultursensiblen Pflege sind von großer Bedeutung.

Eine Abendveranstaltung in Bonn nahm international vergleichend auch die Situation in Frankreich in den Blick. Auseinandersetzungen und Debatten rund um den Islam und die Radikalisierung muslimischer Mitbürger prägen tagtäglich nicht nur die Schlagzeilen der deutschen, sondern auch der französischen Presse. Am 28. Mai 2015 kamen daher Vertreter aus der Politik, den Medien und der Wissenschaft zusammen, um über "Jugend und Islam – deutsch-französische Perspektiven" zu diskutieren.

Ausblick

In der weiteren Projektarbeit steht insbesondere die enge Vernetzung mit Trägern verschiedener Integrationsprojekte im Ruhrgebiet im Vordergrund. Neben den etablierten Trägern der Integrationsinitiativen zählen dazu auch die Einrichtungen auf lokaler und kommunaler Ebene, die das alltägliche Leben speziell junger und alter Menschen muslimischen und nichtmuslimischen Glaubens im Ruhrgebiet prägen. Auf der anderen Seite nimmt das Projekt aber auch die zahlreichen muslimischen Vereine und Verbände in den Blick, die eine wichtige Brückenfunktion in erfolgreicher Integrationsarbeit wahrnehmen können. Diese Institutionen haben vielfältige Erfahrungen gesammelt, die für das Projekt nutzbar gemacht werden können. Gleichzeitig sind sie auch direkte Adressaten der Projektergebnisse und ideale Partner bei der Umsetzung konkreter Initiativen, die eine langfristige Verankerung der erarbeiteten Handlungsempfehlungen in konkreten Maßnahmen der Alten- und Jugendhilfe vor Ort – und damit eine nachhaltige Wirkung des Projekts – erwarten lassen. Durch intensive Begleitung und gemeinsame Workshops sollen die Erfahrungen der Initiativen vor Ort im Ruhrgebiet nutzbar gemacht und gemeinsam neue Ansätze und Initiativen entwickelt werden.

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