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©Kandalowski/Gieseler
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Wie erlebt ein Indianer den Wandel im Revier?

Brost-Projekt bringt zwei ungewöhnliche Künstler zusammen: Totem-Schnitzer Carey Newman trifft Marcus Kiel. Er macht zu Kunst, was von der Zeche übrig bleibt

Carey Newman erzählt Geschichten, die Geist und Seele gleichermaßen berühren. Von Adlern, die zur Sonne aufsteigen, Drachen und Tigern. Zum Lesen braucht´s allerdings viel Platz: Der kanadische Holzbildhauer vom Indianerstamm der Kwakwaka'wakw schnitzt seine Erzählungen in Holzstämme, mehrere Hundert Jahre gewachsen, im Durchmesser über einen Meter dick. Es dauert rund drei Jahre, bis aus dem meterlangen Zedernholz ein bearbeiteter„Totempfahl“ (siehe Erklärtext) wird, gut drei Tonnen schwer.

Gemeinsam mit dem Ruhrgebietskünstler Marcus Kiel will der Häuptlingssohn in einem Projekt der Brost-Stiftung nun vom Wandel im Revier erzählen – durch ein Kunstobjekt, in dem sich Tradition und Naturwelt seiner Vorfahren mit der Industriekultur des Ruhrgebiets treffen sollen.

Verlorene Geschichten wiederfinden, ist eine Kunst

Auch Kiel erzählt Geschichte(n) auf sehr eigene Art, indem er Alltägliches neu gestaltet. Seit 25 Jahren verwendet er als Elemente für seine Kunst Relikte aus stillgelegten Zechen oder Stahlwerken, wie etwa Schuhe, Handschuhe oder Industrieputzlappen, die er in strenger Geometrie anordnet. Die Fundstücke stehen für eine Vergangenheit verlorener Geschichten. „Marcus Kiel will, dass wir diese Geschichten wiederfinden“, sagt Francisco Brugnoli, Direktor des Museums für zeitgenössische Kunst, Santiago de Chile.
Diese Woche sind sich die beiden Künstler erstmals begegnet: auf einer Abraumhalde neben der Zeche Prosper Haniel. Hier geht am 21. Dezember 2018 mit der letzten offiziellen Schicht die Ära der Steinkohle zu Ende. Kiel: „Ein Platz, der beim Rundblick die Veränderungen der Region sichtbar macht. Auf der einen Seite dichter Wald, daneben Kokerei und Zeche, in der Ferne sieht man noch das Stahlwerk von ThyssenKrupp in Duisburg.“

Obwohl er und Carey Newman in unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen und Traditionen aufgewachsen seien, erinnerten beide an den Wandel ihrer Heimatregionen. „Es zeigt sich, dass Strukturwandel kein an die Industrie gebundenes Phänomen ist.“ Durch gegenseitige Besuche in den jeweiligen Heimatregionen und dem Verstehen der jeweils fremden Kultur soll ein direkter künstlerischer Austausch ermöglicht werden.
Die entstandenen Arbeiten werden zum Abschluss jeweils in Kanada und im Ruhrgebiet präsentiert.

Von den Bäumen für unser Leben lernen

Carey Newman will den industriellen und historischen Wandel im Kontext von Schöpfung und Nachhaltigkeit betrachten. „Es gibt keine wichtigere Beziehung in der Welt als die, die jeder von uns mit der Erde hat.“ Im geplanten Kunstprojekt gehe es auch darum, „sich vorzustellen, dass ein Stein, eine Pflanze, die Luft oder ein Stück Holz Rechte hat“. Der Häuptlingssohn, im eigenen Volk Ha-Yalth-Kin-Geme genannt, beschreibt zum Beispiel den Lebenszyklus eines Baumes, erdgeschichtlich auch mit der Kohle eng verknüpft:
„Einen Baum, der sein Leben von tief unter der Oberfläche bezieht, verbinden seine Wurzeln buchstäblich mit der Erde. Sie trinken das Wasser, atmen die Luft und absorbieren die Sonne. Schließlich gibt er sich zurück, indem er sich zersetzt, um genau den Boden zu bereichern, der ihm das Leben gab. Was können wir lernen, wenn wir uns in diesen Kreislauf der Existenz stellen?“.

Ihm schwebt vor, im Laufe des auf drei Jahre angelegten Projekts, in eine riesige kanadische Zeder die Form einer geometrischen Stadtmetropole zu schnitzen. Auf ersten Bleistiftzeichnungen hat der einen Förderturm mit indianischen Symbolen verknüpft. Mit diesem „Turm der Industrie“ soll eine Stahlskulptur interagieren, die Wind oder Wasser darstellen soll.
Junge Künstler sollen am Projekt mitarbeiten

Noch steht das Projekt freilich am Anfang, bei der Begegnung auf der Halde sind sich die Künstler aus den so unterschiedlichen Welten aber näher gekommen. Kiel wird bald nach Kanada aufbrechen, um dort mehr über das Lebens- und Arbeitsumfeld seines Partners zu erfahren. Während des ganzen Projektes soll Austausch zwischen jungen Künstlern beider Kontinente stattfinden, diese dabei unter Anleitung an den Skulpturen und Installationen mitwirken. Völlig offen ist auch noch, wo das gemeinsam geschaffene Kunstwerk einmal stehen soll.
Gänzlich unterschiedliche kulturelle Historie und Lebensumstände können bei genügend Neugier zu was großartig Neuem führen“, so Professor Bodo Hombach, Vorstand der Brost-Stiftung.„Das prägte schon immer unsere Zivilisation. Wagen wir einfach mal einen neuen Versuch.

Prof. Bodo Hombach

Totempfähle erzählen über Familien

Der Begriff „Totem“ stammt vom Wort „odoodeman“ aus einer alten Indianersprache und heißt laut Wikipedia „seine Sippe, seine Gruppe, seine Familie“ bzw. „sein Familienabzeichen“.

Totempfähle erinnern nicht nur an Verstorbene, beherbergen gelegentlich die sterblichen Überreste einzelner Personen, sondern erzählen die Geschichte einer Familie oder repräsentieren die Stellung einer Familie innerhalb der Gemeinschaft.

Sie werden von unten nach oben gelesen. Die Tiersymbolik ist in der Regel einfach zu entziffern, allerdings kann die Botschaft, die diese Tiere symbolisieren, nur "lesen", wer vom Bildhauer oder vom Auftraggeber informiert wurde, was ein Totempfahl darstellen soll. Nur Familienmitglieder haben das Recht, ihre spezifischen Geschichten, die sich in den Totempfählen manifestieren, zu erzählen.

Carey Newman setzt die Tradition der Holzschnitzer in fünfter Generation fort.
Einer seiner bekanntesten Kunstwerke ist der sogenannte „Spirit Pole“, ein Totempfahl für die „North American Indigenous Games“ - eine Art Jugendolympiade der Indianer Nordamerikas, mit der deren Selbstbewusstsein gestärkt und Stolz auf ihre kulturellen und spirituellen Werte gefördert werden soll. Mehr als zehntausend Menschen haben unter seiner Anleitung an dem mächtigen Stamm geschnitzt und gehobelt.

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