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Pater Oliver: Nächstenliebe ohne Happy End

Gila Lustiger besuchte mit Verantwortlichen der Brost-Stiftung den Petershof in Duisburg-Marxloh

Auf dem Tisch stehen Käse- und Apfeltorte, Kaffee dampft aus dünnwandigen Porzellantassen mit Goldrand. Akkurat gedeckt der Holztisch im aufgeräumten Besprechungsraum des Petershofes. Aber bereits nach wenigen Minuten weicht das entspannte Wohlgefühl aus den Herzen der Besucher...

Dabei kann Gastgeber Oliver Potschien, den hier im katholischen Gemeindezentrum Petershof alle nur „Pater Oliver“ nennen, spannend erzählen. Über seinen kurvenreichen Lebensweg ins Priesteramt etwa, der ihn 2012 hierher nach Duisburg-Marxloh führte. Schnell fallen jedoch Worte, die so gar nicht zum Genuss von Kaffee und Kuchen passen. „Ich habe hier eine Not vorgefunden, die ich so noch nicht erlebt habe“, erzählt Potschien den Gästen.

Heute will er auf Initiative von Stadtschreiberin Gila Lustiger Verantwortliche der Brost-Stiftung durchs Haus führen, den Kuratoriums-Mitgliedern Ilse Brusis und Dr. Claus-Michael Baier sowie Geschäftsführer Jens Heit direkten Einblick in den alltäglichen Kampf gegen menschliche Not gewähren, an dessen Ende nicht selten nur kräfteverzehrende Frustration bleibt.
Etwa 1.000 bedürftige Menschen kommen jede Woche in den Petershof. Rentner nutzen den Mittagstisch (laut Homepage „mit lecker Hausmannskost“) für einen Euro („wer kann, gerne mehr“). Zum gleichen symbolischen Preis können sich Flüchtlinge in der Kleiderkammer mit dem Nötigsten versorgen. 28 fest angestellte Mitarbeiter sowie 100 Ehrenamtler helfen bei Behördengängen, vermitteln Notunterkünfte und Sprachkenntnisse.

Ein Häuflein zupackender Menschen gegen den unaufhaltsamen Strom von Not und Elend, den Schleuser in Busladungen vor der Tür des sozialpastoralen Zentrums entladen. Flüchtlinge aus allen Krisenherden der Welt, immer mehr aus dem Osten der EU. Fast 15.000 Armutsmigranten und Flüchtlinge leben in Duisburg, 4000 davon angeblich in Marxloh (60 Prozent Migrantenanteil), die Hälfte Kinder. Stellvertretend für viele Politiker hat Duisburgs OB Sören Link (SPD) offensichtlich vor dem Problem kapituliert. Mit einem offenen Brief, den 16 weitere Kommunen unterschrieben, fordert er von Bundesregierung und EU, die „Verantwortung der Herkunftsländer für die Verbesserung der Lebensverhältnisse von Zuwanderern einzufordern“.
Link hat auch in einem Interview gesagt, dass er gerne das Doppelte an Syrern nehmen würde, wenn er dafür ein paar Osteuropäer abgeben könnte. Gila Lustiger spricht in ihrem WAZ-Porträt über die Marxloherin Sylvia Brennemann (hier nachzulesen) von einer „Hierarchie der Armut“ in einem Stadtteil mit 22 Prozent Arbeitslosen.

„In dieser Hierarchie stehen Deutsche vor Flüchtlingen und Flüchtlinge vor Armutszuwanderern. Und Roma hinter allen. Weder in ihren Herkunftsländern noch andernorts haben Roma Zugang zu Bildung, Arbeit und medizinischer Versorgung. In Marxloh versucht man sie derzeit zu verscheuchen. Nur werden sie nicht gehen. Wo sollten sie auch hin?“

Pater Oliver formuliert es noch drastischer: „Ich bin in den vergangenen Jahren zu der Einsicht gelangt: Niemand will diese Menschen!“
Dabei hat er sich an höchster Stelle für die Notleidenden am untersten Rand der Gesellschaft eingesetzt. Angela Merkel war beim Marxloh-Besuch sein Gast, Sigmar Gabriel (damals noch SPD-Chef) habe sich wirklich bemüht. Geändert hat sich wenig am Los der Roma. Die Erwachsenen wollen sich nicht wirklich integrieren, Deutschland ist für viele nur ein Durchgangsland auf der Flucht vor Schikane und Unterdrückung in der Heimat. Hunderte von Roma-Kindern stromern ziellos durch die Stadt, statt die Schule zu besuchen. Lustiger: „Ohne Bildung bleibt als Erwerbsmodell nur Betteln und Stehlen. Die Kette der Armut setzt sich immer weiter fort.“

Mitarbeiter des Petershofs sammeln einen Teil der Kinder von der Straße auf, unterrichten sie im früheren Büro von Pater Oliver. 12 Schülerstühle und Tische für 18 Kinder habe die Stadt zur Verfügung gestellt, erzählt er, als die Gruppe beim Rundgang den provisorisch eingerichteten Klassenraum besichtigt. „Im größeren Stuhl für den Lehrer war gut sichtbar ein Hakenkreuz eingeritzt.“
Mit jeder neuen Geschichte im nächsten Raum wächst die Beklemmung der Besucher.

15.000 Euro nur erhält der Petershof an finanzieller Unterstützung vom Ruhrbistum – jährlich. „Ebay ist mein treuester Verbündeter“, scherzt der Pater. Dort hat er auch das komplett ausgestattete Krankenzimmer ersteigert. Bevor die Malteser Migrantenmedizin sich engagierte, wurden im Zentrum 160 Patienten täglich behandelt, sogar notoperiert.

Aktuell sind die wirtschaftlichen Alltagnöte größte Herausforderung. In acht Sprachen (plus Deutsch) können die Hilfesuchenden ihre Sorgen erzählen, meist geht es um Behördengänge oder die Suche nach einer Notunterkunft.

Dr. Baier sucht nach Mut gebenden Signalen im frustrierenden Alltag: „Bei der vielfältigen Hilfe, die Sie leisten: Können Sie uns wenigsten EINE Erfolgsstory erzählen?“ Der zupackende Gottesmann lächelt: „Würde ich gerne – aber es gibt nicht den Flüchtling, der vor der Tür aus dem Bus stieg, inzwischen Arbeit hat und in einer selbst bezahlten Wohnung lebt. Früher haben wir einmal eine Hochglanzbroschüre über den Petershof drucken lassen. Ich habe mich beim Durchlättern gefragt: Diese dollen Sachen soll ich alle gemacht haben?“

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