Nr. 60: Schalke
12. Oktober 2018
Brost-Stiftung stolz auf Investigativ-Team
25. Oktober 2018

Nr. 64: Die Küche

Peter, 49 Jahre
Küchenmeister

Er hat vor 33 Jahren im Katholischen Krankenhaus Koch gelernt. Damals konnte man das noch. Mit einem der besten Küchenleiter. Er war damals 16 Jahre alt. Sein Vater hätte ihm eine Lehrstelle in den Wuppertaler Stadtwerken als Schlosser besorgen können, aber er hatte Spaß an der Hauswirtschaft in der Schule.

„Ich will Koch werden, das war noch keiner in der Familie“, gestand er seinen Eltern ein.

Er hatte für sich schon alles geplant, das ganze Leben. Mit seinem Meisterbrief in der Tasche, wollte er auf ein Schiff. Ungebunden sein, die Welt entdecken, reisen, dabei kochen. Dann verunglückt sein Vater vierzehn Tage vor der Prüfung. Seine Mutter bricht zusammen, geht mit sechsundvierzig in den Frühruhestand. Er ist Einzelkind, will seine Mutter nicht alleine lassen, bewirbt sich in Essen in der Gemeinschaftsverpflegung, um Zeit zu haben, sich um sie zu kümmern.

Da er während des Wehrdienstes auch noch eine Ausbildung als Diätkoch gemacht hat, bekommt er von gleich drei Krankenhäusern Zusagen. In einem wird er 18 Jahre bleiben. Zuerst als stellvertretender, dann als Küchenleiter. Täglich kocht er für 400 Menschen. Frühstück, Mittag, Kaffee und Abendbrot. Außerdem baut er im Krankenhaus eine Klinik für Naturheilkunde auf mit Vollwertessen. Als sich abzeichnet, dass die Küche geschlossen werden soll, weil ein „Cook and chill“ Verfahren eingeführt wird, mit vorgekochten-, fertiggebratenen Speisen und Kaltquellprodukten, beschließt er, die Stelle zu wechseln.

„Ich konnte nach 18 Jahren nicht einfach aufstehen und gehen, aber ich musste es, denn was sich da abzeichnete, konnte ich mit meinen Wertvorstellungen nicht vereinen“, sagt er. Lange Wochen haderte er mit sich. Das Krankenhaus, eng mit seinem Leben verwoben, sei mehr noch als eine Arbeitsstätte gewesen. Seine Frau habe er dort kennengelernt, seine Kinder seien dort zur Welt gekommen, seine Mutter sei dort mehrmals reanimiert und gerettet worden. Auch habe er im Krankenhaus mehrere Generationen ausgebildet. Die Naturheilklinik mit aufgebaut.

An seinem letzten Arbeitstag macht er noch für einen Arzt, der sich verabschiedet, das Catering. Schmiert Vollwertschnittchen und gestaltet das Buffet. Dann hängt er die Schürze an den Haken und gibt den Mitarbeitern die Hand.
„Ciao ich bin weg“, sagt er.

Seine Frau, die ebenfalls in der Küche arbeitet, erklärt den schockierten Kollegen die Beweggründe.

Wochen vergräbt er sich. Nutzt die angehäuften Überstunden, um sich erst einmal zurückzuziehen. Mit dem Hund fährt er im Mobilwohnheim in den Wald. Schlafen, wandern, atmen, sich erden. Dann fängt er eine Stelle bei den Mülheimer Seniorendiensten an.

Als der Geschäftsführer ihm nach ein paar Wochen mitteilt, dass er eine neue Küche mitgestalten soll, ist er zuerst einmal überfordert. Dann fängt er an zu träumen... Wenn er es schaffen würde, eine Küche zu konzipieren, in der man bis zu 900 Mahlzeiten mit den höchsten Hygienemaßnahmen und einer EU Zertifizierung kochen, in der man aber nichtsdestotrotz frische, gesunde, abwechslungsreiche Speisen kreieren könnte... Wenn man die neusten High-Tech Errungenschaften nutzen könnte, um sowohl ökonomisch und effizient zu kochen, als auch gesund... Wenn man eine Küche planen könnte, in der jeder Griff sitzt, in der jede Maschine dazu dient, Menschen, die Pflege bedürfen, nicht nur schnell mit Fertigprodukten zu ernähren, sondern zu bekochen ...

Er realisiert seinen Traum. Als er am Morgen stolz vor gesamter Mannschaft die modernste aller Hightech Küchen einweiht, bemerkt er jedoch, zum großen Vergnügen aller, dass er ein kleines Utensil nicht mitgeträumt hat - den Dosenöffner.

Kommentarfunktion deaktiviert.