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„Meine Fotos sollen die Geschichten der Menschen erzählen“

Till Brönner über seine Ruhrgebiets-Streifzüge, hässliche Fassaden und stolze Revier-Bewohner. Und warum schwarz-weiß Farbe genug ist

Tauschen Sie jetzt die Trompete gegen die Kamera?

Till Brönner: „Nein, ich habe die Trompete immer bei mir und werde auch nicht aufhören, Musiker zu sein. Die Frage, wie sich das Fotoprojekt auf die Musik auswirkt, wurde mir aber schon häufiger gestellt.  Ganz klar: Je mehr ich fotografiere, desto weniger Zeit habe ich für die Trompete...“

Sie leben in Los Angeles und Berlin, wie oft werden Sie auf Fotostreifzug im Ruhrgebiet sein?

Brönner: „Ich bin es bereits regelmäßig und es wird jetzt mehr und mehr. Gute Motive muss man sich erlaufen. Ich bin gerne überall da unterwegs, wo Menschen zusammen kommen.“

Befürchten Sie nicht, als prominenter Musiker bei der Motivsuche erkannt zu werden?

Brönner: „Nicht wirklich. Ich denke, ich kann mich den Menschen immer noch so unbefangen nähern, dass MEINE Fotos nachher IHRE Geschichte erzählen. Das ist die Herausforderung. Die Menschen und ihr Erleben stehen bei meinen Bildern im Mittelpunkt.“

Sie sind in Viersen aufgewachsen, nicht weit entfernt vom Ruhrgebiet. Gibt es ganz persönliche Beziehungen?

Brönner: „Ich kannte immer viele Leute im Ruhrgebiet, bereits in meiner Jugend in NRW. Was die damals erzählten von der anderen Rheinseite, fand ich schon sehr anders als am Niederrhein. Noch heute bestehen tiefe Freundschaften aus der Region, nicht nur zu Musikerkollegen.“

Was ist das Besondere an den Menschen hier?

Brönner: „Man muss es auch mal deutlich sagen: Vieles ist hier auf den ersten Blick auch recht hässlich und inhomogen. Aber es ist beeindruckend, dass jeder, dem ich hier begegne, auch die schönen Seiten kennt und sie mir zeigen will. Der Stolz auf die Region ist stärker ausgeprägt als anderswo. Das Ruhrgebiet hat in seiner Geschichte unterschiedlichste Rollen gespielt. Es war Waffenschmiede, Motor des Aufschwungs, dann Sanierungsfall - mich interessiert, was das aus den Menschen macht.“

Wie sind die konkreten Zukunftspläne?

Brönner: Es reizt mich vor allem, die Symbolik in den Bildern einzufangen, wenn beispielsweise im selben Schrebergarten die deutsche und türkische Flagge weithin sichtbar weht. Mich interessiert nicht so sehr, was war - sondern was jetzt und in Zukunft hier passiert. Und wenn man das auf den Fotos erkennt, bin ich meinem Ziel hoffentlich für den Moment nahe.
Sie fotografieren bevorzugt in Schwarz-weiß...

Brönner: „Ja, ich finde das ist oft Farbe genug, um einmal die wunderbare Fotografin Barbara Klemm zu zitieren. Wenn Sie das richtige Motiv getroffen haben, sehen die Leute die Farbe dahinter automatisch.

Ich finde faszinierend, wie sich in Schwarz-Weiß-Fotos die Zeit einfrieren lässt. Bei einem Farbfoto erkennt man immer, wann es ungefähr entstanden ist. Dagegen gibt es Fotobände berühmter Fotografen, die Fotos aus 30 Jahren in schwarz-weiß abbilden. Und Sie erkennen zunächst keinen Unterschied zwischen Shirley MacLaine aus den 1960er Jahren und einem Pierce Brosnan von 1990. Die Verweildauer beim Foto erhöht sich jedoch fast immer.“
Ist komponieren und Trompete spielen irgendwo mit dem Fotografieren vergleichbar?

Brönner: „Es gibt in beiden Bereichen wie beim Schriftsteller die sogenannte Angst vor dem weißen Blatt. Also bezogen auf die Fotografie die Furcht, am Ende nicht genügend gute Motive im Kasten zu haben.

Der Vorteil gegenüber dem Live-Auftritt auf der Bühne liegt darin, dass man als Fotograf im Nachhinein noch entscheiden und gestalten kann. Wenn ich als Musiker auftrete, muss ich im Augenblick alles abrufen. Und so gut sein, dass die Zuschauer mit dem Gefühl heimgehen: Der Abend hat sich gelohnt...“

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