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„In der Bahn sitzen Arme und Migranten, im Theater das Bildungsbürgertum“

Gila Lustiger möchte mit ihren „Glückgeschichten“ auch auf die soziale Schieflage im Ruhrgebiet hinweisen

Ganz lässt das Revier Gila Lustiger (55) noch nicht los. Am 8. November las die Schriftstellerin im Literaturhaus Herne noch einmal einige ihrer „Glückgeschichten“ vor. Dafür pendelte sie mit dem Zug zwischen Pott und Paris. Nach einem Jahr Aufenthalt als erste „Stadtschreiberin Ruhr“ auf Einladung der Brost-Stiftung, ist die in Frankfurt geborene Autorin in ihre Wahlheimat zurückgekehrt.

Während ihr Bestseller „Die Schuld der Anderen“ gerade mit der 9. Auflage seine Erfolgsgeschichte fortschreibt, beginnt für Lustiger die harte Arbeit am neuen Roman. Lesern und Freunden lässt die vielfach ausgezeichnete Tochter des jüdischen Historikers Arno Lustiger (gestorben 2012) jedoch ein spannendes Projekt zurück:

FRAU LUSTIGER SUCHT DAS GLÜCK!

Gerade entsteht ein Buch aus den vielen Glücksgeschichten, die ihr die Menschen in den letzten Monaten erzählt haben (mehr darüber auf dieser Seite unter Stadtschreiber Ruhr). Neben TV und Printmedien wird Focus Online exklusiv das Projekt begleiten, dabei ALLE Erzählungen vom privaten Glück veröffentlichen. Im großen Interview zieht Gila Lustiger eine sehr persönliche Bilanz ihres Aufenthaltes im Ruhrgebiet.

Wie sind Sie auf die Idee der Glücksgeschichten gekommen?
Gila Lustiger: „Es begann mit einem Erlebnis beim Friseur. Während sie meine Haare schamponierte, fragte die Friseurin, was ich beruflich so mache. Auf meine Erklärung, ich sei Schriftstellerin, kam die prompte Antwort: ‚Ich habe noch nie ein Buch gelesen‘...“

Damit steht sie in der Handy-Generation womöglich nicht allein – aber wie informiert sie sich über die Welt?
Lustiger: „Einzig via Instagram. Mit der Voreinstellung Mode/Beauty wählt der Algorithmus die Themen aus, die meine Friseurin interessieren. Den Oberbürgermeister ihrer Stadt kennt sie nicht, ganz zu schweigen vom Innen- oder Außenminister der Bundesrepublik Deutschland. Sie lebt offenbar zufrieden in ihrer eigenen Welt. Aber wo bleibt der Gemeinsinn, wo die soziale Teilhabe? Ich habe nach diesem Gespräch überlegt, welche Themen es geben könnte, die alle Menschen verbinden. Und die man schnell und einfach selbst auf Instagram-Niveau erzählen kann. Dabei kam die Idee, Menschen nach ihren letzten Glücksmomenten zu fragen. Es soll etwas Schönes entstehen, unter Beteiligung von Menschen, denen vielfach wenig Schönes im Leben passiert.“

Als Stadtschreiberin Ruhr haben Sie im letzten Jahr viele Begegnungen mit Menschen der Region gehabt, die täglich ums Existenzminimum kämpfen müssen. Wäre das kein Stoff für einen Roman?
Lustiger: „Ganz sicher. Aber die oben geschilderte Begegnung im Friseurladen hat doch die Herausforderung für den Schriftsteller verdeutlicht: Wenn ich mit Kunst etwas erreichen will, an wen wende ich mich? Und wie erreiche ich den? Meine Erfahrung lehrt mich, dass Roman, Theaterstück oder ein Essay nicht bei den Menschen ankommen, die ich erreichen will.“

Diese Erkenntnis ist noch nicht überall im etablierten Kulturbetrieb angekommen...
Lustiger: „Auf deutschen Bühnen wird viel dokumentarisches Theater geboten, Themen wie Ausgrenzung und Flucht oder wachsende Radikalisierung der Gesellschaft thematisiert. Aber wer sitzt im Publikum bei Eintrittspreisen um 40 Euro zuzüglich Hin- und Rückfahrt? Ein Kulturbürgertum, bei dem die existentiellen Ängste der Bühnenfiguren allenfalls Betroffenheit aus der Distanz erzeugen. Adorno hat diese Form der Sozialkritik einmal als unwirksames „Geblöke“ bezeichnet.“

Bietet die vielfältige Kulturlandschaft des Ruhrgebietes nicht Angebote für alle gesellschaftlichen Gruppen?
Lustiger: „In der Theorie möglicherweise, aber wie sieht die Praxis aus? Versuchen Sie einmal, mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus Essen zu den Theaterfestspielen nach Recklinghausen zu kommen. Warum gibt es keine Pendelbusse und warum sind nicht alle Tickets umsonst? Kein Arbeiter geht zur Ruhrtriennale oder dem Beethoven-Festival. Sie bekommen die Opernhäuser und Theater nur klassenübergreifend gefüllt, wenn Arme, Alte oder Migranten kostenlos hineindürfen.“

Spiegelt der Kulturbetrieb hier die gesellschaftliche Realität?
Lustiger: „Ganz bestimmt. Eine Gesellschaft funktioniert nur dann, wenn sich jeder in die Lebenswelt des anderen hineinversetzen kann. Also der CEO eines Wirtschaftsunternehmens in die Welt der bei ihm angestellten Arbeiter, junge Menschen in die Situation eines alten im Altenheim. Das ist in der total individualisierten Gesellschaft aktuell nicht mehr gegeben. Wir haben besonders im Ruhrgebiet aufgespaltene Lebenswelten. Es ist kein Klischee, dass die A40 die Region in Arm und Reich trennt. In den öffentlichen Verkehrsmitteln begegnen sie fast ausschließlich armen Menschen, älteren und Kindern oder Migranten. In den Opernhäusern und Theatern sitzt das Bildungsbürgertum. Dagegen wollte ich etwas tun, indem ich einen künstlichen Raum der Begegnung schaffe. In der Aktion ‚Glücksmomente‘ begegnen sich die Menschen, jeder bekommt am Ende ein Buch und wird so Teil der Gruppe.“

Die erzählten Glücksgeschichten sind aber nicht frei von Bitterkeit, wenn etwa eine arbeitslose Krankenschwester oder eine alleinerziehende Lkw-Fahrerin und Mutter von drei Kindern zu Wort kommen...
Lustiger: „Das ist Absicht, aber die anklingende Sozialkritik soll nicht doktrinär sein und auf spielerische Art und Weise daherkommen. Am Ende soll das Projekt meinen Arbeitsauftrag als erste Stadtschreiberin Ruhr einlösen, „das Ruhrgebiet in all seinen Facetten darzustellen“. Ich würde mir wünschen, dass es Denkanstöße liefert und Startschuss wird für eine Debatte in alles Bereichen der Gesellschaft. Es wird höchste Zeit, dass Experten die Zusammenhänge richtig erklären. Und gegen eine Diskussionskultur von Emotionalität und Empörung ankämpfen.“

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