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Gila Lustiger besucht Ausstellung „Alle wollen wohnen“

Das neue Ruhrgebiet muss auf Solidarität gebaut sein. In der Diskussion zwischen Stadtschreiberin Gila Lustiger und Machern der Ausstellung „Alle wollen wohnen“ auf Zeche Zollverein zeigt sich: Der Architekt schafft nur die Hälfte der Wohnung.
102 Stockwerke in etwas mehr als zwei Jahren! Rekordverdächtig hat Katharina Greve nicht nur ein Hochhaus „gebaut“, sondern gleichzeitig die in ihm lebenden Menschen auf jeder Etage in typischen Alltagssituationen abgebildet. Gila Lustiger verharrt beim Besuch der Ausstellung „Alle wollen wohnen“ auf der Zeche Zollverein lange vor dem als Web-Comic konzipierten Bild, bricht bei vielen Szenen in lautes Lachen aus. Die besten hält sie mittels Handyfotos fest. Alltag zwischen Liebe, Hass, Geschirrabwasch – dem Wahlspruch des Architekten Marcel Breuer folgend: „Der Architekt schafft nur die Hälfte der Wohnung, der Mensch, der in ihr lebt die andere Hälfte.“

„In NRW wurde der Etat für sozialen Wohnungsbau für die Jahre 2016 und 2017 auf jährlich 1,1 Milliarden Euro aufgestockt“, erklärt Peter Köddermann, einer der Kuratoren der Ausstellung. „Das Problem des Massenwohnungsbaus ist aber nicht nur eine Frage der Quantität, sondern auch eine der baulichen Qualität. Es braucht neue Konzepte in einer sich wandelnden Gesellschaft.“ Hier sieht er für das Ruhrgebiet besondere Perspektiven im Wettbewerb mit Großstädten wie Köln oder Düsseldorf, wo nicht nur fehlende Flächen bei wachsender Nachfrage die Immobilienpreise explodieren lassen. Köddermann (Foto): „Es braucht jedoch die Bereitschaft der Entscheider, sich auf Experimente einzulassen.“
Mit den Ausstellungsmachern des Museums für Architektur und Ingenieurkunst NRW (M:AI) diskutiert die Stadtschreiberin Ruhr beim Gang durch die in fünf Themenhäuser aufgeteilte Schau, in deren Mittelpunkt die Debatte um bezahlbaren Wohnraum steht. Von dessen gesetzmäßiger Verankerung (Artikel 155 in der Weimarer Reichsverfassung von 1919), über die Entwicklung von Baustandards (sagt Ihnen der Begriff „Frankfurter Küche noch etwas?), hin zur aktuellen Problematik fehlenden Wohnraums in Ballungszentren sowie dessen Verfall in sozialen Brennpunkten.
Für Gila Lustiger, die seit August 2017 auf Einladung der Brost Stiftung in Mülheim lebt, beginnt mit Bauen und Wohnen die Qualität des sozialen Miteinanders. „Städtebau gibt faktisch und symbolisch den Raum des sozialen Miteinanders vor“, so Lustiger. „Entscheidend ist aber die Idee des Miteinanders, die Civitas.“ Bei ihren Streifzügen durch das Ruhrgebiet erlebt sie täglich, wie intensiv wirtschaftlicher Niedergang die gewachsenen Siedlungen und Lebensräume der Bürger ruiniert. „Am Ende ist es keine Frage von Konzepten, sondern von Arbeit und Geld. Mit dem Verlust des Arbeitsplatzes schwindet die Kaufkraft, zunehmend bricht dann das Kleingewerbe weg. Damit Orte der Begegnung und des Gesprächs.“

Ihr Herzensthema veranschaulichte die Schriftstellerin („Die Schuld der anderen“), seit vielen Jahren in Paris zu Hause, unter anderem in ihrem in der WAZ erschienenen Porträt der Bäckereiverkäuferin Johanna Kowalski aus dem Essener Eltingviertel:

„...Ende 1846 gab es in der Essener Innenstadt 73 Schneider, 65 Schmiede, 57 Schuhmacher, 56 Schankwirte, 55 Bäcker, 30 Metzger, 20 Bierbrauereien und leider nur eine Buchhandlung. Stadtforscher sind sich einig, dass eine Stadt, um zu funktionieren, vor allen Dingen eins braucht – Gewerbe. Ja, ich weiß, das Ruhrgebiet ist stolz auf seinen Strukturwandel. Auf seine fünf Universitäten und 15 Fachhochschulen. Auf seine Museen, Büros und Einkaufszentren... Und doch sind es die unscheinbaren Geschäfte des verarbeitenden Gewerbes, vor dem der Schwatz, die Begegnung, der Austausch erfolgen kann und all jene kleinen Rituale des sozialen Lebens, die für den Zusammenhalt einer Gesellschaft sorgen. Das Einkaufszentrum Limbecker Platz, die Ketten und Kaufhäuser in der Innenstadt haben das Kleingewerbe verdrängt. Ich habe nichts gegen bezahlbare Massenware, nur etwas gegen die Zerstörung des öffentlichen Raums, gegen die Zerstörung von Urbanität, den Verlust von Orten des Austauschs. „Das öffentliche Leben spielt sich in der Agora, dem Marktplatz ab“, schrieb Jürgen Habermas, „Öffentlichkeit konstituiert sich im Gespräch … ebenso wie im gemeinsamen Tun“.
Der Ausstellungsschwerpunkt „Wohngebiete“ diskutiert, wie Architekten und Städteplaner immer wieder versucht haben, den Bedarf an Wohnraum und eben diese sozialen Aspekte zu verknüpfen. Unter anderem durch Großsiedlungen auf der „grünen Wiese“, die inzwischen in die Jahre gekommen, zu groß dimensioniert und oft von den dem Allgemeinwohl verpflichteten Eigentümern abgestoßen wurden. Köddermann: „Dabei leben die Ruhrgebietsstädte noch mit der historischen Hypothek, dass sie nicht natürlich gewachsen sind. Es galt damals nur, schnell Quartiere für die wachsende Zahl der Industriearbeiter zu errichten.“ Der Strukturwandel hat dann hunderttausende Industriearbeitsplätze wegbrechen lassen, pulsierende „Arbeiterviertel“ verfallen und werden Rückzugsort für Armutsmigranten aus ganz Europa. Schnell mit der Bezeichnung „sozialer Brennpunkt“ etikettiert.

Nicht allein Subventionen zur Sanierung lösen das Problem, darin sind sich Gila Lustiger und Peter Köddermann einig. „Frankreich hat viele Jahre Milliarden investiert, um die Tristesse der Vorstädte zu beseitigen. Vergeblich.
Erst als in den letzten Jahren die Menschen vor Ort einbezogen wurden, man begonnen hat, gemeinsam Geschichten rund um das Wohnquartier zu erzählen, hat sich die Lebenswirklichkeit verbessert“, betont Lustiger Solidarität als Fundament für jeden positiven Wandel. Köddermann, studierter Historiker, hat in Projekten des M:AI Ähnliches beobachtet: „Den Menschen eines Wohnviertels sind oft ganz andere Orte wichtig als den Bauplanern. Gemeinsam kann man ein sogenanntes Problemviertel tatsächlich neu erfinden. Der wichtigste Schritt ist dabei den Bewohnern das Gefühl zu geben, sie werden gehört und eingebunden.“

Lustiger hat beim Spaziergang durch den Essener Norden die zentrale Bedeutung von Solidarität und Gemeinsinn bei der Verbesserung des Alltagslebens beschrieben:

„...Das Eltingviertel hat den Ruf, ein Stadtteil zu sein, vor dem man sich zu fürchten hat. Doch gerade dort haben Sozialarbeiter, Jugendamt, Polizisten, Pfarrer und Lehrer ein Netzwerk geschaffen, das seinesgleichen sucht. „Aktionsbündnis sicheres Altenessen“ schlichtet, wenn sich Nachbarn streiten, betreut kriminelle Jugendliche, identifiziert Tätergruppen, bietet Hilfe bei innerfamiliärer Gewalt an, fördert Erziehungshilfen wie Verbrechensvorbeugung und kümmert sich um Menschen in Armut, mit all ihren Begleit- oder Folgeerscheinungen...“
Das entlässt die Politik nicht aus ihrer Verantwortung. Ein Chart der Ausstellung belegt den Rückzug des Staates aus dem Problemfeld: „Bund und Länder haben von 1999 bis heute insgesamt 210.000 Wohnungseinheiten gekauft. Dem gegenüber stehen 620.000 Einheiten, die sie aus ihren Beständen verkauft haben.“ Die Folge sind Szenen, wie sie Katharina Greve bereits im 8. Obergeschoss ihres Comic-Hochhauses (http://www. das-hochhaus.de) illustriert. Menschen drängen sich in einer Wohnung, mittendrin ein breit grinsender Makler der ausruft: „Interessenten füllen diesen Bogen aus!“. Im Gedränge stellt eine Frau resignierend fest: „So sieht es also aus, wenn ein Makler von einer Wohnung mit Potenzial spricht...“

P.S. Die "Frankfurter Küche" wurde in der Metropole am Main seit den 1920er Jahren als Standardküche in Tausende von Sozialwohnungen eingebaut. Die Entwicklerin Margarete Schütte-Lihotzky wird als "Mutter" aller Einbauküchen gefeiert.

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