Im neuen Projekt der Brost-Stiftung hilft der Journalist Hajo Schumacher seinen Mitbürgern, das Netz richtig zu entdecken.

Die Entdeckungsreise hat begonnen! Seit dem letzten Wochenende sind die „Netzentdecker“ online, unter www.netzentdecker.de finden Sie die erste Kolumne von Hajo Schumacher (54). Der Journalist und Autor nimmt Sie mit auf seine ganz persönlichen Streifzüge in die digitale Welt. Für den Vertreter der Generation „Schnurlostelefon“ ein Kosmos voller Rätsel und Überraschungen...

Die „Netzentdecker“ sind ein neues, zweijähriges Eigenprojekt der Brost-Stiftung. Es soll auf kurzweilige, interaktive Weise den Menschen Anregungen und Erklärungen bieten, die sich als „digital immigrants“ gelegentlich im Internet-Dschungel verlieren.
Schumacher: „Wir wollen Antworten auf Fragen geben, die sich viele Menschen täglich stellen. Wie sicher ist mein Passwort? Warum zocken die Kids soviel am Handy? Was machen eigentlich diese Algorithmen? Wie zukunftssicher ist mein Job noch?“

Welche Alltagserlebnisse gaben den Anstoß zum Netzentdecker-Projekt?
Schumacher: „Das geht schon beim Aufstehen los, unser jüngerer Sohn lässt sich von Alexa wecken. Ich denke: Verdammt, werde ich jetzt schon im Pyjama abgehört? Dann lese ich in der Zeitung von Datenklau und Facebook-Löchern. Ich telefoniere mit einem jungen Redakteur, der sagt, mein Text sei sehr schön, aber leider nicht suchmaschinenoptimiert getextet. Und dann spielt mir Google Werbung für Treppenlifte zu.

So entsteht eine Mischung aus Verunsicherung und Panik. Als Mensch, der mit Schallplatte und Schreibmaschine aufgewachsen ist, habe ich genau zwei Möglichkeiten, mit meinem digitalen Stress umzugehen: Ich grummle und fürchte mich. Oder ich gucke mir die Zukunft an. Deswegen Netzentdecker.“

Woran merken Sie täglich, dass Sie ein „digital immigrant“ sind, während Ihre Kinder sich ganz natürlich perfekt im Netz zurechtfinden?
Schumacher: „Das Thema Datenschutz ist den Jungs völlig wurscht. Sie halten meine geliebten E-Mails für ähnlich modern wie ein Fax und gucken deswegen nie in ihr Postfach. Sie erklären mir mein Smartphone so provozierend langsam, als würde ich über den IQ eines Gänseblümchens verfügen.

Und sie lachen über diesen altmodischen Papierhaufen namens Tageszeitung, den ich nun mal sehr liebe. Seitdem ich für die Netzentdecker auf der Playstation übe, kommen wir uns langsam wieder näher.“

Was genau wollen Sie mit dem Projekt anstoßen und erreichen?
Schumacher: „Als Vertreter des geburtenstärksten Jahrgangs 1964 rede ich mit vielen Altersgenossen, die hinter vorgehaltener Hand zugeben: Ich komme nicht mehr mit, ich vertrödele viel zu viel private Zeit im Netz und im Job fühle ich mich abgehängt.

Das muss nicht sein: Ich werde stellvertretend für meine Babyboomer-Generation Praktika machen, das Geheimnis des digitalen Wunderlands Estland lüften, die Grundzüge des Programmierens lernen, den unfassbaren Boom des Porno-Business ergründen, und all die Fragen beantworten, die viele von uns sich nicht trauen zu stellen. Das wird manchmal mühsam, vielleicht peinlich, oft lustig, aber verspricht immer Erkenntnisgewinn. Laie sein ist keine Schande, Laie bleiben schon.“

Offensichtlich sind Sie nicht der einzige Ü-30-Nutzer, der mit dem Internet fremdelt. Wer trägt noch Erfahrungen bei?
Schumacher: „Praktisch jeder Mitmensch. Meine Frau, Freunde, Lehrer, Kollegen, Politiker: Alle sehen die Vorzüge des Digitalen, hegen aber zugleich gewaltiges Misstrauen. Wir sprechen mit klugen Menschen wie Ranga Yogeshwar, Professor Gerd Gigerenzer oder dem Netz-Pionier Mathias Richel, die genug Geduld mitbringen, auch scheinbar doofe Fragen zu beantworten.“

Wie können sich die Leser einbringen?
Schumacher: „Mit möglichst offenen Fragen, ganz gleich, zu welchem digitalen Thema. Wir suchen dann passende Gesprächspartner, um das Licht der Aufklärung in die Welt zu tragen.“

Muss nach den jüngsten Datenklau-Zwischenfällen nicht Zurückhaltung bei der Online-Nutzung das oberste Lernziel sein?
Schumacher: „Das Verrückte ist ja: Es gibt keine Zurückhaltung. Selbst, wenn ich mein Smartphone nur in der Tasche trage, weiß Google, dass Herr Pastors gerade mailt, die semantische Software erkennt unsere Themen, der Locator weiß, wo Sie und ich gerade stecken.

Wenn ich jetzt „Hundekuchen“ sage, bekommen wir beide morgen auf Facebook Hundekuchen-Reklame zugespielt. Das Ziel muss es sein, uns von der romantischen Vorstellung zu verabschieden, dass die digitale Welt so nett und großzügig sei, wie uns das ein paar Kapuzen-Jungs aus dem Silicon Valley jahrelang vorgegaukelt haben. Wir befinden uns vielmehr in einer ziemlich wilden Gegend ohne viel Regeln und Aufpasser. Da sollte man sein Eigentum, auch die Daten, sorgfältig schützen. Wann haben Sie Ihr Passwort zuletzt geändert?“

Braucht es nach Ihrer Einschätzung ein Schulfach „Online-Nutzung“?
Schumacher: „Die Kids sind ja schon relativ fit, die erklären ihren Lehrern, wie man das Intranet in der Schule updatet. Problematisch sind eher Menschen über 40, deren alte Welt abhanden kommt, ohne dass sie die neue begreifen. Menschen wie Sie und ich, die nicht verstehen, warum Computerspiele die neuen Märchenbücher sind und weshalb YouTube-Influencer mächtiger sind als jede Plakat-Reklame.“

Finden Sie den gesetzlichen Rahmen ausreichend, um Nutzer zu schützen?
Schumacher: „Nein. Was daran liegt, dass viele Politiker, wie ich, aus der Generation der Ahnungslosen stammen. Neulich kam mir ein Minister strahlend entgegen und frohlockte, dass er jetzt auch bei diesem WhatsApp sei. Toll. Das ist die Digitalkompetenz unserer Volksvertreter.

„Daten sind das neue Öl“ - das hören Sie jeden Tag. Dass Daten auch das neue TNT sein können, spricht sich erst langsam herum. Die klügste Netzversteherin scheint mir die dänische EU-Kommissarin Margrethe Vestager zu sein.“

Sind Sie selbst schon einmal Opfer der eigenen Leichtfertigkeit mit persönlichen Daten im Netz geworden?
Schumacher: „Eher Opfer meines eigenen Vorlautseins mit unüberlegten Tweets und Posts. Für digitale Kommunikation, egal ob per SMS, Mail, Whats-App oder Post, gilt immer: Schreibe nichts, was nicht auch deine Mutter lesen dürfte, schreibe nie in Rage, nie betrunken und lies idealerweise am nächsten Morgen noch mal drüber.“

Limitieren Sie sich selbst z.B. bei der Handy-Nutzung oder sind Sie ständig online?
Schumacher: „Ich habe mich die vergangenen Jahre mit einem klassischen Handy begnügt, mit dem ich zwei ganz verrückte Dinge machen konnte: Telefonieren und SMSen. Für die Netzentdecker habe ich jetzt auf Smartphone hochgerüstet, aber ein ganz besonderes. Denn ich wollte ein billiges, stabiles, ökologisches, einfaches Modell. Was dabei rausgekommen ist, erfahren Sie auf www.netzentdecker.de.“

Foto © Annette Hauschild

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