Stiftungstag 2015
28. Oktober 2015
Rede Prof. Bodo Hombach: „Die Konzeption der Brost-Stiftung und die Förderung der Medienkultur“
29. Oktober 2015

Rede Dr. Thomas Sacher: „Die Bedeutung der Stiftungen für unser Gemeinwesen“

Verehrte Damen und Herren,
liebe Gäste,

was ist eine Stiftung? – Sie verwandelt das ihr zugewandte Vermögen, also das Symbol für reale Produkte und Leistungen und damit letztlich auch für Sparsamkeit, zurück in ein reales Produkt oder eine Leistung, die in einem sinnvollen Zusammenhang Menschen zugute kommen. Das angehäufte, verdichtete, in einer Hand versammelte Vermögen bekommt durch den Stiftungszweck einen Bewegungsimpuls und eine Richtung. Es widmet sich Aufgaben, die der Stifterin oder dem Stifter und ihren bzw. seinen Mitarbeitern wichtig und nötig erscheinen.

Eine lebendige Stiftung erkundet und füllt Zwischenräume der Gesellschaft, blinde Flecke. Noch mehr interessiert sie sich für Potenziale. Sie erzeugt in der Regel keine Produkte. Das überlässt sie den Tüftlern und Werkstätten. Aber sie entdeckt Kraftlinien, Wirkungen und Reflexe, bevor sie in die Wahrnehmung des Mainstreams gelangen und Resultate werden. Sie agiert im Vorfeld des politischen, sozialen, kulturellen Betriebs und hat ein Sensorium für’s Atmosphärische und Vorläufige.

Um sich aber nicht im Beliebigen, also in der Weite unendlich vieler Möglichkeiten zu verlieren, bindet sich die Stiftung an ein Thema oder einen Themenbereich, das bzw. der ihrem definierten Zweck entspricht. Das lähmende „Man sollte, könnte, müsste mal“ der Sonntagsreden und Scheindebatten bleibt ihr so erspart. Sie hat den offenen Blick und weiß, was sie will. Daraus entwickelt sich, was sie tut. Und dann konzentriert sie sich und spitzt sich zu. Am Ende steht ein Resultat, das sich am Stiftungszweck überprüfen muss. Das ist seine Rückbindung, seine „religio“.

Eine Stiftung ist aber auch ein „unkaputtbares“ Stück Freiheit inmitten einer sich bürokratisierenden Welt. Sie kann ausprobieren, ein Risiko eingehen. Unabhängig von den oft langwierigen und selbstverliebten Ritualen und Liturgien staatlicher Institutionen, kann sie sich spontan begeistern und – auch das gehört dazu – fruchtbare Fehler machen. Sie geht durchaus mit Sorgfalt und Sachkenntnis ans Werk, bewahrt sich aber die Dynamik des kreativen Augenblicks.
Ich glaube, eine Stiftung ist eine Art Erfinderin. Erfinden ist oft ja nicht ein Erdenken, sondern ein Ins-Bewusstsein-Rücken. In der griechischen Sage ist Dädalus z. B. der Erfinder der Säge. Er kam auf den Gedanken, als er Kinder sah, die morsches Holz mit einem hin und her gezogenen Schlangengerippe zerkleinerten. Die Kinder wussten nicht, dass sie die Säge erfunden hatten. Dädalus aber wusste es. So funktioniert die Arbeit einer Stiftung: Erst fällt ihr etwas auf, dann etwas ein, dann geht sie an die Umsetzung. Jeder Erfindung geht eine Entdeckung voraus.

Ich glaube, jede Stiftung, die ihren Namen verdient, hat ein utopisches Gen. Sie vermutet das Eigentliche hinter dem Horizont. So als wäre sie in einer ständigen „Midlifecrisis“ fragt sie: „Das soll’s schon gewesen sein?“ Und dann geht sie los auf die ferne Linie oder das Ende des Regenbogens. Sie spricht das bisher Ungesagte aus, und nun ist es nicht mehr undenkbar.

Eine Stiftung braucht einen Ort. Sie bescheidet sich nicht mit einer virtuellen Existenz, sondern ankert in der Realität der Gesellschaft. Dort kennt sie die Verhältnisse, spricht die Sprache der Menschen oder besser noch der „Leute“, und kann sich ihnen deshalb verständlich machen.

Eine Stiftung, die auf sich hält, kreist nicht um sich selbst. Mit Neugier geht sie auf Individuen und Gruppen zu, die Ähnliches wollen und vielleicht schon tun. Sie glaubt an die Kraft und an die Hebelwirkung der Zusammenarbeit. Also sucht sie Partner. Sie tut es nicht nur aus Gründen strategischer Nützlichkeit, sondern weil es ihrem Geist und ihrer Haltung, aber auch ihrer Überzeugung entspricht.

Nun fehlt noch eine Eigenschaft, die ich nicht vergessen darf. Eine Stiftung verlängert ein Leben über den Tod ihrer Stifterin oder ihres Stifters hinaus. Sie lässt einen vergangenen Menschen spüren, eine Lebensentscheidung, einen Charakter, ein Temperament, manchmal aber auch einen unerfüllten Traum. So ist sie viel mehr als nur ein Stück Erinnerung oder ein Denkmal. Eine Stimme, die eigentlich erloschen wäre, spricht noch immer zu uns, und zwar auf unbestimmte Zeit. So kann die Stiftung auch ein Anker, ein verlässlicher und steter Partner in einer sich so schnell wandelnden Welt sein.
Meine Damen und Herren, es ging mir darum, Ihnen das Vertraute wieder merkwürdig zu machen. Das – denke ich – ist auch der tiefere Sinn eines Stiftungstages.

Ich danke Ihnen.

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