Nr. 3: Nixenzeitrechnung
19. September 2018
Nr. 7: Barbie
19. September 2018

Nr. 4: Hortensien

Auf dem Weg zur Essener Gruga nehme ich im Vorbeigehen diesen Pudel wahr, der mir aus einem Parterrefenster in einem Reihenhaus ins Auge springt. Die Häuser sind irgendwann gebaut worden, als die Stadt florierte und man Wohnungen für Arbeiter und Angestellte brauchte. Funktionelle Wohnblöcke, gut erhalten und schmucklos. Und mitten in dieser grauen Betonhäuserzeile sehe ich diesen Pudel, den einer auf sein Fenster gemalt hat. Nicht als Dekoration fürs Wohnzimmer, sondern für die, die vorbeigehen - als Gruß. Ich trete ans Fenster. Es riecht nach dem Mittagessen. Ein vager Geruch von verbranntem Öl. Auf dem Fensterbrett der halb aufgegessene Salat. Die Gabel in der Schüssel.

Ein paar Häuser weiter schon die neue Welt. Hier haben Investoren wegen der Nähe zur Messe ein Haus aufgekauft und zu Appartements für Geschäftsreisende umgestaltet. Ich lese Bestpreisgarantie mit Mikrowelle, Haartrockner, Flat-TV, High-Speed-WLAN und voll ausgestatteter Küche. Und sehe einen Mann, der abends auf der Couch vor dem Fernseher sitzend mit seiner Frau und den Kindern telefoniert. Ich blicke auf der Suche nach etwas Schönem auf die vermeintlichen zwei Orchideen im Parterrefenster und auf die dunklen Steinpflanzenkübel, die rechts und links den Eingang säumen. Ich habe solche Steinkübel schon vor allen Hotels der Welt gesehen, in schwarz, weiß, grau. Mit Wacholder oder Kugelkiefern, Bambus oder Ginkgo, Muschelzypressen oder Zwerg-Eiben oder eben mit Hortensien bepflanzt, wie hier.

Am nächsten Morgen schreibe ich Bruno, dem ich meine Fotos schicke, damit er sie verbessert: „Ich weiß, dieses Foto gibt nichts her. Aber die jungen Blätter waren noch eingerollt. Ich würde mir gerne Zeit nehmen, um zu sehen wie sie sich öffnen. Ich werde es nicht tun. Und die Geschäftsmänner ebenfalls nicht.“
Hydrangeas

On my way to the Gruga, I notice this poodle that catches my eye as I pass by a ground-floor window of a terrace house. The houses were built at a time when the city flourished, and homes were needed for workers and employees. Functional blocks of flats, well preserved and plain. And in the middle of this seemingly endless row of grey concrete buildings, I see this poodle that someone painted on his window. Not for himself inside to decorate his living room, but for us who pass by the place - as a greeting.

I'm approaching. I can still smell the lunch. A slight smell burnt oil. On the window sill, there is a half-eaten salad. The fork is still in the bowl.

A few houses further on lies the new world. Here, investors have bought a house and converted it into apartments for business travellers because of its proximity to the fair. I read "Best Price Guarantee". Equipped with wellness baths, microwave, hairdryer, flat screen TV, high-speed Wi-Fi and a fully furnished kitchen. And think of a man sitting on the couch in front of the TV at night and talking to his wife on the phone. In my search for something beautiful, I look at the alleged two orchids in the ground-floor window and the dark stone plant pots that line the entrance on the right and left. I have seen such pots standing in front of all the hotels in the world, in black, white, and grey. Planted with juniper or spherical pines, bamboo or ginkgo, hinoki cypresses or yews or simply with hydrangeas, as here. But the leaves of this hydrangea seem new to me. In the evening I write Bruno, to whom I send my iPhone photos, so that he improves them, a message: "I know, this photo is nothing special. But the young leaves were still curled. I would like to take some time to watch them grow and open up. I won't do it. Neither will the businessmen.”

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