(Sabine, 52, Krankenschwester - Teilzeit 20 Prozent)

Sie würde schon Blutdruck, Puls und Temperatur gemessen, schon den Blutzuckerspiegel untersucht und Insulin gespritzt, schon Patienten umgedreht, schon Trost gespendet und sich Ängste angehört haben. Schon Inkontinenzunterlagen gewechselt, schon Waschschüsseln mehrmals ausgespült, schon Telefonate beantwortet, schon Urin vom Boden gewischt und schon Verbände gelegt haben. Sie würde schon die Bettwäsche gewechselt, Sterbende versorgt, Medikamente dosiert, Blut abgenommen, Schmerzmittel verabreicht, Infusionen gelegt, Spülungen durchgeführt haben. Und natürlich würde sie schon gedacht haben, dass sie sich heute noch nicht um den Parkinsonpatienten gekümmert, noch nicht die Frau mit Schlaganfall gewaschen, noch nicht die Angehörigen angerufen, noch nicht die Zimmer gelüftet, noch nicht alle Betten gewechselt, noch nicht die Pflegepläne geschrieben hat.

Sie weiß, wie privilegiert sie ist, wenn sie stattdessen das Teewasser aufsetzt, zwei Löffel Tee in die Kanne schüttet, dann die Katzen füttert und sich schließlich mit einer großen Kanne grünen Tee an den Küchentisch setzt. Sie schlägt das Buch auf. Es ist ruhig und sie gönnt sich eine Stunde Lektüre, in der sie in eine andere Welt eintaucht.
Was letzten Endes Kapitalismus geschaffen hat, ist die rationale Dauerunternehmung, rationale Buchführung, rationale Technik, das rationale Recht, aber auch nicht sie allein: es musste ergänzend hinzutreten: die rationale Gesinnung, die Rationalisierung der Lebensführung, das rationale Wirtschaftsethos.

Max Weber

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