Nr. 12: Altes Handwerk
10. September 2018
Nr. 27: Wieder arbeiten zu können
10. September 2018

Nr. 16: Die Apfelwiese

Ich folge ihnen. Will sie überreden, mir ihr letztes Glückserlebnis zu erzählen. Aber sie haben keine Zeit. Nicht heute, nicht jetzt, eigentlich nie, erwidert die Dame, auf die ich zugegangen bin.

Ich sage: „Junge Menschen machen sofort mit. Ihre Altersgruppe ziert sich. Warum denn eigentlich?”
Die letzte rüstige Dame mit Kurzhaardauerwelle, die ich gefragt habe - sie saß mit ihrer Freundin auf einer Bank vor Edeka - meinte lakonisch: „Glücksgefühl? Kenn ich. Hatte ich das letzte Mal 1987. Als ich jung war.“ Dann drehte sie sich zu ihrer Freundin um und sagte: „Erika heute gibt's Forelle.“
„Haben Sie denn gar nichts, was Sie mir schenken wollen? Man sagt doch immer, im Alter wird man zufriedener”, lasse ich nicht locker.

Ich habe ein Gespür für Menschen. Ich wittere Geschichten.
Sie könnte nun wirklich nicht plaudern, erwidert die Frau, sie müsse sich beeilen, sie ginge mit den Klassenkameradinnen aus der Grundschule kegeln. Mit den Klassenfreundinnen aus der Grundschule? Nun bin ich angefixt.

„Welcher Jahrgang?”, frage ich.
“Einschulungsjahr 1946”, erwidert die Frau stolz.
„Jetzt”, verkünde ich “werden Sie mich bestimmt nicht los.”

Ich denke an all die Geschichten, die ich erzählt bekommen könnte: Einschulung, Wiederaufbau, erste Kuss, erste Plattensammlung, Bergbaukrise, Heiratsantrag, erstes Kind ... Und dann denke ich, sie will kegeln gehen. Mehr verlangt sie gerade nicht vom Leben, nur mit den Schulfreundinnen eine ruhige Kugel schieben.

„Wenn ich Ihnen jetzt sage, wann ich das letzte Mal glücklich war, ist dann gut?”
„Geschworen”, erwidere ich.
„Am Donnerstag im Seniorenkino.”
Ich will mich schon verabschieden, als sie hinzufügt: „Aber dann hat er mir einen ordentlichen Schrecken eingejagt.”

Sie deutet auf ihren Mann. Wir sind mittlerweile bei den Schulfreundinnen und ihren Ehemännern angekommen, die schon warten und Doris und Heinz fragen, wer ich sei.

„Sie hat sich in den Kopf gesetzt, übers Glück zu schreiben”, stellen sie mich vor.
„Dann soll sie zu den Jüngeren gehen”, meint eine der Klassenkameradinnen.
„Das sieht hier gar nicht mal so schlecht aus”, erwidere ich, nachdem ich mir die drei Paare angeschaut habe.
„Erzähl mal, Heinz, wie Du Dir beim Apfelpflücken die Schrammen geholt hast”, sagt seine Frau.
An den Obstwiesen sei er vorbei geradelt, beginnt er, hätte wunderschöne Klaräpfel gesehen, sei vom Fahrrad gestiegen und durch die Hecken zu den Bäumen ...
„Sie sind doch nicht etwa vom Baum gestürzt?”, unterbreche ich ihn.
Aber nein, beim Rückzug mit den zwei Äpfeln in der Hand sei er über einen Ast gestolpert, direkt ins Brombeergebüsch hinein.
Blutend sei er nach Hause gekommen, fügt seine Frau hinzu, und natürlich hätte er sich geweigert, zum Arzt zu gehen. Sie hätte ihre energischste Grundschulfreundin anrufen müssen. Erst sie hätte ihn überredet, sich gegen Tetanus impfen zu lassen.
„Und das soll eine Glücksgeschichte sein?”, fragt mich am Abend ein Freund, dem ich sie vorlese.
„Ich hätte natürlich beim Kegeltreffen den Schlusspunkt setzten sollen,“ gestehe ich ein. „Das wäre perfekt gewesen. Aber nicht so grandios.”

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