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Mut wagen!


Über die Zukunft des Journalismus diskutierten im November 2015 rund 200 Teilnehmer auf Einladung von CORRECT!V in der Zeche Zollverein. Die Debatte um den aufklärerischen Non-Profit-Journalismus möchte die Brost-Stiftung durch die Förderung dieser Tagung inhaltlich und intellektuell vorantreiben.

Im öffentlichen Teil wurde auf Fachebene gemeinsam mit Stiftungen und Journalisten diskutiert, die sich inhaltlich mit den Entwicklungen im Journalismus beschäftigen. In einem Impulsreferat berichtete Thomas Schnedler über die Lage im Non-Profit Journalismus. Er stützte seinen Vortrag auf eine Studie, die er im Auftrag des netzwerk recherche, finanziert von der GLS Treuhand, vorgelegt hat. Schnedler beschrieb darin den Einfluss der Stiftungen auf den aufklärerischen Journalismus in den USA. Er kommt zu dem Ergebnis, dass dort Stiftungen tatsächlich in Teilbereichen wegbrechende journalistische Strukturen kompensieren können. Gleichwohl berichtet er auch von zwei wesentlichen Problembereichen, die sich herauskristallisiert haben, und denen man beim Aufbau eines aufklärerischen Non-Profit Journalismus in Deutschland begegnen sollte.

Die große Zersplitterung der Förder-Angebote führt dazu, dass sich US-Reporter in diesem Sektor häufig nur auf Themen stürzen, die neue, kleinteilige Förderungen versprechen. Nachhaltige Erfolge seien so laut Schnedler nicht garantiert, im Gegenteil: im Klein-Klein würden Erfolge jederzeit wieder auf‘s Spiel gesetzt. Erfahrungen könnten nur schwer aufeinander aufbauen. Lerneffekte würden verpuffen. Als eine Empfehlung für Deutschland gab Schnedler zu bedenken, dass es auf Basis der US-Erfahrungen sinnvoll sein könnte, wenn Stiftungen entweder alleine oder gemeinsam einzelnen Reportern oder Gruppen langfristige Förderzusagen machen, die sich auf Themenfelder oder individuelle Schwerpunkte fokussieren. Weiter könnte es sinnvoll sein, wenn gerade kleinere Stiftungen ihre Kapazitäten poolen würden, um eine unabhängige Förderung losgelöst von Präferenzen zu ermöglichen.

Es ist auch in den USA schwer, im aufklärerischen Non-Profit Journalismus inhaltliche Unabhängigkeit dauerhaft zu sichern. Trendthemen im journalistischen Stiftungsbereich würden gegebenenfalls wenig Raum für andere journalistische Projekte lassen. So würde die Förderung für Aufklärung in Themenbereichen wie Armut, Stadt- oder Regionalentwicklung strukturell nachrangig betrachtet, obwohl diese Themen in der Regel sehr wichtig für das Zusammenleben in der Gesellschaft seien, aber eben nicht unbedingt attraktiv für eine Förderung. Schnedler regte an, auch hier für Deutschland Konsequenzen zu ziehen, die es ermöglichen, gerade auch in weniger attraktiven Themenfeldern Förderungen anzubieten.

Der Leiter der Kommunikation der Volkswagenstiftung, Dr. Jens Rehländer, erklärte in seinem Impulsvortrag, dass privatwirtschaftlichen Erlösmodelle im Journalismus nicht ersetzbar seien. Stiftungen könnten nur temporär, maximal für einige Jahre, Projekte des aufklärerischen Non-Profit Journalismus finanzieren. Gleichfalls stellte Dr. Rehländer fest, dass im Journalismus bislang sehr wenig Stiftungsgeld eingesetzt wird. Dies führte er darauf zurück, dass viele Stiftungsvorstände wenig über die Probleme im Journalismus wüssten. Viele hätten noch nicht wahrgenommen, was für die Zivilgesellschaft tatsächlich auf dem Spiel steht: die Entwicklung der Demokratie oder in einigen Bereichen sogar jegliche Kontrolle demokratischer Prozesse.

Dr. Rehländer regte an, dass Stiftungen, die sich für den Journalismus einsetzen wollen, dabei helfen, in Öffentlichkeit und Politik ein Bewusstsein für die Probleme zu schaffen. Es müsse gezeigt werden, was passiert, wenn es in einigen Regionen keinen Journalismus mehr gibt. Zudem müsste nach Ansicht von Dr. Rehländer überprüft werden, ob die aktuellen Förderprogramme im Journalismus den Bedarf widerspiegeln. Hält also die Förderung mit dem Verfall Schritt, insbesondere im Regionalen? Oder wird die Zukunft des Journalismus ohne die Stiftungen diskutiert?

Julia Friedrichs appelliert an den Mut

Die Eröffnungsrede „Mut Wagen!“ von Julia Friedrichs sorgte branchenweit für Aufsehen. Sie rief im Sinne der Tagung dazu auf, Mut zu wagen und den Journalismus in die neue Zeit zu bringen.

Einige Zitate

„Wenn ich merke, wie mein Beruf, der Journalismus, von denen beschädigt wird, die in ihm nicht mehr sehen als ein beliebiges Produkt, als Content, der effizienter, mehr-verwertbarer und natürlich vor allem billiger werden soll - wenn ich höre, wie das selbst die Überzeugtesten verzagen lässt, fühle ich mich verpflichtet, Mut dagegenzusetzen. Aus Liebe und aus Trotz.“

„Ich mache meine Arbeit, weil sie gemacht werden muss. Und weil ich an das glaube, was ich tue. Auch uns sollte klar sein, dass wir antreten, um eine Aufgabe zu erfüllen.“

„Wir machen nicht irgendetwas mit Medien. Ich bin ausgebildet worden, mit dem Verständnis, dass Journalisten in der Demokratie eine Rolle auszufüllen haben, eben die der vierten Gewalt. Wir müssen erklären und einordnen, wir müssen die Wirklichkeit in Augenschein nehmen, aber wir müssen auch kontrollieren. Wer übt mit welcher Legitimation Macht aus? Wer will, dass ich was glaube und warum? Wir müssen den Zuschauern und Lesern helfen, diese Fragen zu beantworten. Das ist unsere Aufgabe. Die müssen wir erledigen. Das sind große Kategorien, klar. Aber vielleicht braucht es die manchmal, um den Mut zu finden, weiterzumachen.“
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Julia Friedrichs appellierte beherzt, mutig zu sein.

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Workshops und Abendveranstaltung fanden großen Anklang.

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