Rund um das „Kindermobil“ geht eine Erfolgsgeschichte in die nächste Phase

Tomaten laufen heute gar nicht. Während Darius Pelka die Tupperdosen mit geschnittenen Äpfeln, Trauben oder Bananen bereits zum zweiten Mal nachgefüllt hat, langen die Kids bei den kleinen roten Gemüsekugeln eher spärlich zu. „Ich mag keine Tomaten“, kommentiert die kleine Alice (*) ihre Essgewohnheiten – und greift lachend nach einem weiteren Apfelstück.

Zwischen den Wohntürmen im Essener Hangetal herrscht heute Stimmung wie auf dem Kindergeburtstag – denn das „Kindermobil“ ist da!

Thomas Rüth, im Jugendhilfenetzwerk Essen-Nord für das Projekt verantwortlich, sieht die Begeisterung sehr pragmatisch motiviert: "Die Kinder schätzen das Essen sehr.“ Im Winter musste der Inhalt des Suppentopfs mitunter verlängert werden, gegen Ende des Monats wird der Zulauf größer. Manche Kinder folgen dem acht Meter langen Wohnmobil auch über die Woche zu anderen Standorten.

Essen, so viel jeder mag, Gesundes obendrein. Basteln, Spiele und Sport, Erwachsene, die Zeit haben. Etwa 20 Jungen und Mädchen sind an diesem Donnerstag im Februar 2019 gekommen, manchmal tummeln sich hier bis zu 60. Jens Fischer und das Projektteam werden schon erwartet, wenn sie gegen 14.15 Uhr auf den Innenhof der Wohnanlage rollen, einen von vier wechselnden Standorten im Essener Norden. Seit fast zwei Jahren bereichert das bunt bemalte Wohnmobil den Alltag der Heranwachsenden. Arbeiterwohlfahrt, der „Club Kohlenwäsche“ sowie die Brost-Stiftung ermöglichen mit ihrer Förderung ein paar Stunden unbeschwerten Kindseins.

Heute zeigt Sozialarbeiterin Lisa Pferdekemper, wie Obst fliegen lernt. Die Kids malen ihre Lieblingsfrüchte auf und schneiden sie aus, auf die Rückseite wird ein kleiner Papierzylinder geklebt. In den passt genau ein Strohhalm – jetzt kräftig in den Halm pusten, schon fliegt die Erdbeere!

„Das Wichtigste sind Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die den Kindern gegeben werden“, glaubt Jens Fischer. Der Erziehungswissenschaftler ist seit 18 Monaten im Projekt tätig, für ihn ist das „Kindermobil“ weit mehr als eine rollende Suppenküche. „Wir machen nicht nur Angebote für gesunde Ernährung. Die Kinder bewegen sich gemeinsam, üben soziales Miteinander.“ Mit erkennbaren Ergebnissen. Fischer: „Die Auseinandersetzungen zwischen den Jungen und Mädchen haben sehr stark abgenommen. Die Kinder nutzen unsere Anwesenheit sinnvoller, als miteinander zu streiten.“

Zum gemeinsamen Kochen etwa. Beim Gemüseschnippeln oder Zerkleinern von Obst erfahren die kleinen Menschen spielerisch etwas über gesunde Ernährung, die satt, aber nicht dick macht. Für die meisten eine ganz neue Erfahrung, im Alltag diktiert oft allein der Preis der Lebensmittel den täglichen Speiseplan. Über 40 Prozent der Kinder im Essener Norden beziehen Hartz-IV-Leistungen, in einigen Siedlungen erhalten 65 Prozent der Familien Unterstützung vom Staat. 2,57 Euro täglich sieht der Hartz-IV-Satz für die Ernährung eines Kindes vor!

„Das ist vor allem auch quantitativ ein sehr bedrückendes Problem", betonte Professor Bodo Hombach, stellvertretender Vorsitzender der Brost-Stiftung, die das Projekt über drei Jahre unterstützt. "Dies kann also nur ein Start sein!"

Für Jens Fischer verlässt das „Kindermobil“ gerade die Startphase: „Wir sind dabei, Kinder-Scouts auszubilden. Das sind überwiegend Jungen und Mädchen, die von der ersten Stunde an dabei waren und die jetzt die anderen Kinder anleiten können.“ Als Unterstützung des „Kindermobil“-Teams, oder selbstständig an jenen Tagen, an denen kein Mobil anrollt. Etwa 10 „Scouts“ könnten es an jedem Standort werden, 40 insgesamt, die bei der Erreichung des gemeinsamen Zieles helfen sollen. „Wir fördern bei den Kindern demokratisches, soziales Denken und Handeln und fördern so eine sozial gerechte Gesellschaft.“

Große Ziele, denen die tobende Meute (zwischen drei und 15 Jahren alt) heute spielerisch ein wenig näher kommt. „Feuer, Wasser, Luft“ wird zum Abschluss gespielt, geleitet von Praktikantin Ruth Niehoff. Wenn sie „Feuer“ ruft, müssen alle ganz schnell zum nahegelegenen Erdgeschoss-Balkon rennen und die Hand dranlegen. Bei „Wasser“ scheidet aus, wer zuletzt auf dem Klettergerüst ankommt. Ohne Protest reduziert sich die Gruppe immer weiter, bis nur noch Alexa (*) übrig bleibt. Gewonnen haben an diesem Nachmittag aber irgendwie alle...

*Die Namen der Kinder wurden im Text geändert.

Comments are closed.