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Journalismus: Was hat Zukunft? Wo gibt es Jobs? Was muss ich tun?

Die Entwicklung der Medien in den letzten Jahren ist rasant. Berichterstattungen sind um ein Vielfaches schnelllebiger geworden. Die klassischen Medien TV, Radio und Print reagieren auf den Online-Journalismus mit seinen eigenen Anforderungen. Die Rohren-Seminare ziehen alljährlich junge und am Journalismus interessierte Menschen in das kleine Dorf Rohren bei Aachen. Und das seit mehr als 25 Jahren. Hier haben sie die Möglichkeit herauszufinden, was ihnen liegt. Sie recherchieren, führen Interviews und Radiosendungen, produzieren einen TV-Beitrag. Zehn Tage lang tauchen 17 junge Menschen in den Journalistenalltag ein.

Wir sprachen mit Carolin Gagidis (34), Seminarabsolventin aus 2009, freie Journalistin u.a. für das ARD-Morgenmagazin und Vorsitzende des Fördervereins Rohren e.V. – sowie Julian Schwarzhoff (25) aus Recklinghausen, der in diesem Jahr Teilnehmer war.

Wo kommt der Name „Rohren“ her?

Carolin Gagidis: Rohren-Monschau ist ein Dorf in der Eifel. Dort steht ein Haus vom Alpenverein. Als der Mitinitiator Ulrich Adrian, ARD-Korrespondent in Warschau, New York und Washington 1990 einen ruhigen Ort für seine Idee suchte, jungen Menschen fernab von Ablenkungen vor allem in der Praxis zu vermitteln, was Journalismus ist, stieß er auf diese Hütte. Schlafsäle, minimaler Komfort – die Teilnehmer sollten sich konzentrieren können, den Alltag eines Journalisten leben, schreiben, recherchieren – auch bis in die Nacht. Oder früh um drei in der Backstube stehen, um einen Bäcker zu befragen.

Was macht „Rohren“ aus?

Carolin Gagidis: Zehn Tage Gruppenzugehörigkeit, Zusammenhalt. Ehrenamtliche Profis, allesamt erfahrene Journalisten aus verschiedensten Bereichen, wirken als Dozenten mit, stehen den Newcomern Rede und Antwort, geben Tipps und berichten von ihrer journalistischen Laufbahn. Hautnah, intensiv und ohne Zeitdruck können sich die jungen Menschen mit ihnen austauschen. In diesem Jahr hatten wir 84 Bewerber. Im Bewerbungsverfahren loten wir Neigungen und Talente aus, geben bereits dann schon Tipps, wie man sich als Bewerber in der Branche Aufmerksamkeit verschafft. Wir wägen auch ab, ob jemand wirklich „hüttentauglich“ ist, denn die Gemeinschaft muss passen. Allen ist ein Ziel gemein: Sie wollen herausfinden, ob der Beruf des Journalisten, und vor allem welcher Zweig und Weg, für sie geeignet ist. Ein solch kompaktes Angebot gibt es sonst nirgendwo. Für die Teilnehmer entsteht ein geringer Kostenbeitrag. Der Förderverein, Sponsoren und Förderer, wie die Brost-Stiftung, ermöglichen so auch Talenten die Teilnahme, deren finanzieller Rahmen das sonst nicht zuließe.
Julian Schwarzhoff: Wir hatten natürlich Theorie, aber vor allem – und das ist sehr hilfreich – Praxis dort, wo Journalismus stattfindet.

Der Sprung ins kalte Wasser war eine echte Herausforderung. Jeder machte alles: Moderation, Interviews, Planung, schreiben unter Zeitdruck, konzipieren - manchmal bis tief in die Nacht. Außeneinsätze, die Einblicke in Geschichten für unsere Reportagen gewährten. Ich musste liefern. Dieser positive Stress hat mir total gut gefallen.

Wie sind Sie ins Seminar reingegangen?

Julian Schwarzhoff: Ich bin selbst Hörgerätträger, war nach dem Abitur neugierig, diese Technik kennenzulernen. Ich wurde Hörgeräteakustiker. Schnell war mir klar: Das ist nicht mein Traumberuf. Alles, was mit Medien zu tun hat, fand ich schon immer faszinierend. Geschrieben habe ich auch gern. Und weil Sport mich besonders begeistert, studiere ich im zweiten Semester „Sportjournalismus“ in Köln. Dann hörte ich an der Uni von dem Rohren-Seminar. Das hat mich neugierig gemacht, weil ich dort Einblick in die verschiedenen Sparten bekommen konnte.

Und die Erkenntnis am Ende?

Julian Schwarzhoff: Hat mich verblüfft. Innerhalb der Praxiseinsätze war ich auch im Studio bei einem Radiosender – Wahnsinn: die Nachrichtenredaktion – in der Kabine sitzen und sprechen. Das hat mir richtig Spaß gemacht. Es war super anstrengend während der zehn Tage. Aber auch sehr interessant und hilfreich. Der Kontakt zu den „Rohrenern“, auch den ehemaligen, bleibt bestehen. Ich habe viel mitnehmen können aus den Vorträgen der Dozenten, aus Antworten auf meine Fragen. Nach dem Studium hoffe ich auf ein Volontariat. Auch da kann das Netzwerk „Rohren“ helfen.

Was bedeutet das?

Carolin Gagidis: Nicht nur dadurch, dass die Berufsberater der Arbeitsagentur Aachen unseren Teilnehmern schon während des Seminars zur Seite stehen, sondern vor allem auch durch Praktiker vermitteln wir Inhalte, Tendenzen, die helfen sollen, den eigenen individuellen Weg zu finden. Der Arbeitsmarkt für Journalisten ist nicht einfach. Wir klären auf, ermutigen und bleiben auch nach dem Seminar im Austausch. Über unsere Homepage haben wir ein Netzwerk aufgebaut, über das die „Rohrener“ aller Jahrgänge Kontakt miteinander aufnehmen können. Sie berichten über eigene Erfahrungen, und wenn sie Fragen haben, helfen unsere Dozenten - auch mit Kontakten und Empfehlungen für den weiteren Werdegang.

War das bei Ihnen auch so?

Carolin Gagidis: Ich war schon 26, als ich ins Seminar kam, hatte eine kleine Journalistenschule besucht. Printjournalismus machte mir Spaß, aber die Jobs als freie Redakteurin reichten kaum für den Lebensunterhalt. Beim Seminar wurde mir klar: Du musst noch ein Volontariat machen, obwohl du nicht wirklich ein Anfänger bist. Das war goldrichtig: Nach meinem Studium habe ich dann tatsächlich beim NDR volontiert. Die Bewerbungsrunden für Volontariate haben es in sich, und die besten Tipps dazu bekam ich von Rohrenern. Heute arbeite ich als freie Autorin – u.a. für das ARD Morgenmagazin.

Daten und Fakten: „Rohrener“ sind inzwischen über 450 Schüler und Studenten. Zu 75 % ergreifen die Seminarteilnehmer tatsächlich den Beruf des Journalisten. Unter ihnen z. B. Frank Bräutigam (Leiter der ARD-Rechtsredaktion in Karlsruhe)), Oliver Schmidt (Das aktuellen Sportstudio im ZDF) und Silke Bigalke (Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung in Schweden).

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