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Ein Wüstling im Taschenbuchformat

Begeisterte Senioren erlebten im Anneliese Brost Musikforum Ruhr in Bochum den Mozart-Klassiker „Don Giovanni“ in einer ganz besonderen Aufführung

Der Applaus hätte auch für eine große Gala gereicht: Minutenlang klatschten sich die gut gelaunten Zuschauer, in der Mehrzahl stehend, im Anneliese Brost Musikforum die Hände warm. Dabei hatten sie an diesem Donnerstagnachmittag in Bochum „nur“ eine Oper im Taschenbuchformat erlebt. Heißt im Klartext: „Don Giovanni“ von Wolfgang Amadeus Mozart, reduziert auf die Schlüsselszenen und schönsten Arien, vorgetragen von fünf Sängern in wechselnden Rollen. Dabei musikalisch begleitet von einer Handvoll Instrumentalisten unter Leitung von Johannes Erkes, der als Moderator auch noch kundig und launig durchs Programm führte.

Mehr als 250 Senioren hatte die Brost-Stiftung zu zwei Stunden Musikgenuss nach Bochum eingeladen, in der Pause gab´s Kaffee und Kuchen für alle. Sie unterstützt damit das Projekt „Musik am Nachmittag“, von der Internationalen Stiftung zur Förderung von Kultur und Zivilisation ins Leben gerufen, „als Dankeschön an die ältere Generation“.

Knapp eine Million Menschen leben in Deutschland in Heimen, Tendenz steigend. Die Brost-Stiftung möchte innerhalb ihres Satzungsauftrags Senioren, die aus gesundheitlichen und/oder finanziellen Gründen kulturelle Veranstaltungen außerhalb des Heimes nicht aufsuchen können, Unterhaltung und Gesellschaft bieten. Durch regelmäßige Musikkonzerte am Nachmittag soll der Alltag in Heimen aufgehellt werden. Die Veranstaltungen sollen geistige und emotionale Anregung bieten, Lebensfreude schenken und Gemeinschaft fördern.

Wie viele Frauen hatte Don Giovanni wirklich?

Um die Abteilung Lebensfreude kümmerte sich diesmal im Kleinen Saal des Musikforums vor allem Moderator Johannes Erkes, seit 2006 Musikdirektor der von Erich Fischer gegründeten „Internationale(n) Stiftung zur Förderung von Kultur und Zivilisation“. Der Viola-Solist hatte nicht nur die musikalische Vorbereitung übernommen, sondern nahm „sein“ Publikum beim Ausflug ins Zeitalter von Mozart (1756-1791) sachkundig an die Hand. Er enthüllte dabei kurzweilig Hintergründe, Abgründe sowie kleine Geheimnisse des Opern-Klassikers, der im 17. oder 18. Jahrhundert in Sevilla spielt und in der Langform eigentlich „Der bestrafte Wüstling oder Don Giovanni“ heißt.
Hätten Sie das gewusst? Oder könnten Sie den Begriff „Wüstling“ mit Inhalt füllen? Durch ein Quiz lockte Moderator Erkes das Publikum ganz weit hinein in Mozarts Meisterwerk, als er vor einer Arie des Dieners Leporello aufforderte: „Jetzt zählen Sie einmal mit, wie viele Liebschaften Don Giovanni tatsächlich hatte!“ Don Giovannis Diener addiert in der berühmten „Katalogarie“ stolz (und leicht angewidert) 2065 Frauen, die sein Herr in Deutschland, Spanien und Frankreich erobert habe.

Im Zwiegespräch mit den bestens gelaunten Senioren entwickelte sich eine spannende Debatte um die wahren Dinge des Lebens. „Selbst wenn er mit 15 Jahren begonnen hätte und er wäre zum Zeitpunkt, in dem die Oper spielt, 30 Jahre alt, hätte Don Giovanni im Durchschnitt 137 Geliebte im Jahr haben müssen“, rechnete Erkes hoch. „Aber er musste ja auch noch im Zeitalter der Pferdekutsche von Ort zu Ort kommen“, so der berechtigte Hinweis aus dem Publikum. „Die Reisezeit müsste man also noch abziehen.“ An diesem Nachmittag im Anneliese Brost Musikforum wurde die Dimension des „Wüstlings“ mit großer Hingabe ans Detail offengelegt.

Brost-Stiftung verdoppelt Zahl der Konzerte auf 200

Jürgen Dorn, Vorsitzender der „Internationalen Stiftung zur Förderung von Kultur und Zivilisation“ freute sich besonders über die Rückmeldungen aus dem Publikum: „Ich habe solche Begeisterung bisher nicht erlebt. In der Pause kamen Menschen auf mich zu und haben sich bedankt für den schönen Nachmittag.“ In München, am Sitz der Stiftung, seien die Leute zurückhaltender. „Deshalb macht es mich umso glücklicher, dass wir die Zahl von 100 Musikveranstaltungen in Altenheimen des Ruhrgebiets mit Unterstützung der Brost-Stiftung verdoppeln konnten.“ In der Regel findet „Musik am Nachmittag“ direkt in den Seniorenheimen statt. Seit 1996 wurden mehr 9.500 Musiknachmittage für über 840.000 begeisterte Senioren in ganz Deutschland organisiert.
In Bochum zeigte sich, wie wenig Aufwand nötig ist, um viel zu erreichen. Den Künstlern genügte eine kleine Bühne, 16 Holzplatten bildeten die Bretter, die die Welt bedeuten. Neben den fünf Stühlen stand die gleiche Anzahl Notenständer, für die Begegnung Don Giovannis mit der Statue des von ihm erstochenen Commendatore stieg Tenor Gustavo Martin-Sachéz einfach maskiert auf einen Stuhl. Und den Chor zur Bauernhochzeits-Szene studierte Erkes ruckzuck mit Publikum ein.

Es war Oper zum Anfassen, die ganz vorne platzierten Rollstuhlfahrer konnten sogar den Ring erkennen, den Don Giovanni am zweiten Zeh des linken Fußes trug. Bis zum Schluss ließ Moderator Erkes die Frage unbeantwortet, warum der Titelheld barfuss auf die Bühne kam. Immerhin nutzte er die Eigenheit von Hauptdarsteller Guilio Alvise Caselli zur Schlusspointe: „Vor dem Winter müssen wir dem armen Don Giovanni noch ein paar warme Schuhe besorgen.“

Und weiter, gemeinsam mit der Brost-Stiftung, Senioren im Ruhrgebiet einen unvergesslichen Nachmittag bereiten.
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Das Anneliese Brost Musikforum Ruhr war gut besucht
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Gustavo Martín-Sanchéz (Tenor), Agnes Preis (Sopran), Mariá-José Rodriguez (Sopran), Tanja Conrad (Violine) (v.l)
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Marcus Weishaar (Bariton), Giulio Alvise Caselli (Bariton), Konstantin Ischenko (Akkordeon), Roland Berg-Jahnke (Violoncello), Johannes Erkes (Viola) (v.l.)
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Standing Ovations der begeisterten Besucher der Oper im Taschenbuchformat

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