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Projekt Jugendaustausch! „Denn auch gute Beziehungen vererben sich nicht“

Mit dem „Jugendaustausch Ruhrgebiet – Niederlande“ will die Brost-Stiftung die Wahrnehmung fürs Nachbarland schärfen. Das Ziel: Partnerschaft unter Freunden. Jugendhilfe im besten Sinne
„Die jungen Menschen begegnen sich hautnah. Sie bleiben beim Besuch des Nachbarlandes nicht vor dem Schaufenster stehen, sondern gehen hinein in Gastfamilien, lernen darüber hinaus ein anderes Schulsystem kennen. Und wechseln die Perspektive: Unter Holländern gilt Rotterdam beispielsweise mit 600.000 Einwohnern schon als Großstadt, unsere Gäste aus dem Ruhrgebiet sehen das sicher anders.“

Monika van Beek-Borawitz beschreibt ihre Erfahrungen aus den ersten Schülerbegegnungen im „Jugendaustausch Ruhrgebiet – Niederlande“. Als Lehrerin am Penta College Jacob van Liesveldt in Hellevoetsluis (bei Rotterdam) organisierte und gestaltete sie maßgeblich den Aufenthalt der deutschen Partnerschule aus Duisburg (St. Hildegardis Gymnasium).

Zum Jugendaustausch wählte die Brost-Stiftung neben Limburg und Maastricht den Großraum „Randstad“ aus. Hier leben rund um die Zentren Amsterdam und Rotterdam rund 44 Prozent der niederländischen Bevölkerung. Mit einem Bruttoregionalprodukt von 216,3 Milliarden Euro liegt diese Region im europäischen Vergleich hinter London, Paris, Rhein-Ruhr und Mailand auf dem fünften Platz.
„Die ersten Eindrücke sind sehr positiv“, so van Beek-Borawitz im Fazit einer gemeinsamen Woche mit 14- bis 15-jährigen Schülern. Zur Evaluation sollen Schüler, Eltern und Gäste im Nachgang konkret befragt werden – bevor im Sommer 2018 der Gegenbesuch in Duisburg auf dem Plan steht.

Das ging ja gut los...
...und soll noch lange weiter gehen! Auf eine Laufzeit von fünf Jahren hat die Brost-Stiftung ihr Eigenprojekt konzipiert. Jährlich kann die Begegnung von rund 300 Schülern finanziert werden, die beim Aufenthalt im Gastland Kontakte knüpfen und vertiefen, außerdem dessen kulturelle Eigenheiten und Vielfalt kennenlernen sollen. Langfristig entstehen so im Fall des Gelingens völkerverbindende Freundschaften.

Dirk Brengelmann, deutscher Botschafter in den Niederlanden, unterstützt das Schülerprojekt aus Überzeugung: „Deutschland und die Niederlande sind enge Partner in Europa, wirtschaftlich, politisch und kulturell. Frühzeitige Kontakte miteinander und Verständnis füreinander, gerade in jungen Jahren, können das nur befördern.“
Im Zeitalter fehlender Grenzen sowie touristischer Besucherströme in beide Richtungen (über 11 Millionen Holländer besuchen jährlich Deutschland, rund fünf Millionen Deutsche kommen ihnen sozusagen entgegen) mag die Initiative zunächst überraschen. Aber sie will genau an der alltagserprobten Oberflächlichkeit ansetzen.

„Über diese Selbstverständlichkeit der Reisemöglichkeiten und den Wegfall des ‚Grenzerlebnisses’ hat in den letzten Jahren auch die Beschäftigung mit dem „anderen Land“ beziehungsweise der angrenzenden Region, seiner Kultur, Traditionen, Sprache, abgenommen“, heißt es in der Begründung des Projektes. Gegen den Mangel an Wissen von und übereinander wird eine Plattform des Austausches geschaffen, „auf der Jugendliche aus den Regionen die Gelegenheit haben sollen, mehr als nur die üblichen Vorurteile von den anderen zu erfahren“.

Der engen Nachbarschaft zwischen Ruhrgebiet und den Niederlanden gilt dabei ein besonderes Augenmerk. Nicht höher als eine Bordsteinkante ist etwa die Grenze zwischen Suderwick (Ortsteil von Bocholt) und Dinxperlo (niederländische Gemeinde Aalten). Die Dinxperloer beziehen ihr Wasser aus Deutschland, das Abwasser der Suderwicker Haushalte wird in der Kläranlage von Dinxperlo gereinigt. Deutsche Schüler können die Basisschool in Dinxperlo besuchen, niederländische Kinder lernen in Suderwick schwimmen.
Nähe und Begegnung können aber gleichzeitig den Blick schärfen für Besorgnis erregende Tendenzen. „Angesichts der vielfachen politischen und damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen innerhalb und zwischen den Ländern der Europäischen Union besteht die Gefahr“, so der Vorstand der Brost-Stiftung, „dass durch zunehmende populistische und vor allem nationalistische Tendenzen einige der für selbstverständlich gehaltenen Erfolge im Bereich der Völkerverständigung bzw. des grenzübergreifenden Miteinanders verloren gehen können.“

Hier soll das Eigenprojekt entgegenwirken. Und beide Seiten weiter auf dem eingeschlagenen Weg der Annäherung ermutigen: Während noch Ende der 1990er Jahre die umstrittene „Clingendael-Studie angebliche Deutschenfeindlichkeit unter 14- bis 19-jährigen Niederländern zu belegen vorgab, bieten Restaurants im Nachbarland inzwischen „Curry-Wurst“ und „Glühwein“ an. Buchtitel wie „Warum wir auf einmal die Deutschen lieben“ entwickelten sich zu Topsellern.
Professor Bodo Hombach, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Brost-Stiftung, merkt dennoch an: „Auch gute Beziehungen vererben sich nicht. Die muss jeder für sich aufbauen. Die Gelegenheit dazu wollen wir kräftig fördern.“

Im März besuchte in der Startphase des Brost-Projektes u.a. bereits das Zuider Gymnasium aus Rotterdam das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Lünen, Schüler des Van Vredenburchcollege aus Rijswijk waren in Witten (Holzkamp Gesamtschule) zu Gast. Die Stiftung finanziert den Aufenthalt der Klassen in Begleitung von zwei Lehrern bei einem Eigenanteil von 25 Euro Taschengeld. Sogar 500 Euro für eine gemeinsame Abschiedsparty werden bereitgestellt...

Aber was nehmen die deutschen Schüler nach einer Woche Holland an neuen Einsichten mit nach Hause? „Überrascht waren viele vom Tagesablauf in der Gastfamilie“, berichtet Monika van Beek-Borawitz. „Beim Frühstück sind holländische Eltern oft schon weg zur Arbeit. Dafür wird abends warm mit der ganzen Familie gegessen.“ Genossen haben die deutschen Teenies nicht nur den späteren Schulbeginn in den Niederlanden (9.00 Uhr) und die gemischten Klassen.

„Der Gebrauch moderner Medien ist bei uns weiter fortgeschritten“, erklärt van Beek-Borawitz. „Die Schüler haben ständigen Zugriff auf ihre Handys, überall gibt es WLAN-Verbindungen. Das empfanden unsere deutschen Gäste fast wie im Schlaraffenland. Die Schüler können hier auf umfangreiche Mediatheken zurückgreifen, wir setzen im Unterricht mehr auf Eigenverantwortung, mehr Arbeit in Kleingruppen.“

Mit durchgängig frei zugänglichem Internet in allen öffentlichen Bereichen sind die holländischen Nachbarn deutlich schneller im digitalen Zeitalter unterwegs. Beim Gegenbesuch in Deutschland können die Partnerschüler vielleicht auch etwas für ihr künftiges Leben lernen: Es ist ein Besuch im DFB-Museum in Dortmund geplant, in dem die deutschen WM-Trophäen ausgestellt sind...


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