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„Mein Vater – Ein Held auf der Suche nach dem Schrein der Erkenntnis“

Gila Lustiger las im Jüdischen Museum aus „So sind wir“. Und gab spannende Einblicke in ihre Familiengeschichte

„Mein Vater ist vertieft in Zeitungen. Überfliegt Schlagzeilen, liest Weltpolitik, Innenpolitik, Außenpolitik. Und hat kein Auge für die Liebespolitik seines Kindes...“

Aufmerksam lauschen die Zuhörer im Jüdischen Museum Dorsten den sehr persönlichen Worten der bekannten Vorleserin: Ruhr-Stadtschreiberin Gila Lustiger (54) zitiert aus ihrem Roman „So sind wir“. In dem sie doppelbödig die schwierige Annäherung der Tochter an den geliebten (Über-)Vater erzählt. Einerseits aus der erinnerten Gefühlswelt des kleinen Mädchens, in die sich die erwachsene Romanautorin zurückblendet. Bemüht um Erinnerung, Einordnung, psychologische Deutung.

Die Familienchronik widmet sich dabei auch dem Großvater, Widerstandkämpfer in Israels blutiger Staatsgeschichte. Den lebensklugen Frauen, Mutter und Großmutter, die im Alltag einen ausgleichenden Pol zu den eigenwilligen männlichen Familienoberhäuptern bildeten. Vor allem ist der Roman jedoch die Liebeserklärung an einen prägenden Menschen: Lustiger spricht in der Anmoderation leicht ironisch von einer „sehr wohlwollenden Darstellung meines Vaters“.

Wikipedia über den Vater von Gila Lustiger

Arno Lustiger (* 7. Mai 1924 in Będzin; † 15. Mai 2012 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Historiker polnischer Herkunft. Als Überlebender des Holocaust hat er wesentliche Beiträge zur Erforschung und Aufarbeitung der Geschichte des jüdischen Widerstands gegen die Diktatur des Nationalsozialismus geleistet.
Nähe und doch Distanz
Tochter Gila erinnert sich an einen „Held auf der Suche nach dem Schrein der Erkenntnis...“ Die sich in der permanenten Beschäftigung mit Zeitungen manifestierte. Ständig habe er darin gelesen, Artikel herausgerissen, bevorzugt Meldungen über Antisemitismus oder antisemitische Ausschreitungen. Allein die Mutter habe mit ihrer „Aufräumwut“ verhindert, dass „wir in einem Papierfetzenmeer ersaufen“.

Lächelndes Raunen im Raum, als der Familienalltag der Lustigers zu lebendigen Bildern im Kopf der Zuhörer wird. Wieder Stille, wenn die in Frankfurt geborene und in Paris lebende Schriftstellerin eine schwer erklärbare Distanz zwischen Vater und Tochter thematisiert. Acht Sprachen habe er beherrscht, erzählt Gila Lustiger, für das Erlebte fand er jedoch gerade gegenüber der Tochter keine Worte.

Aufarbeitung nur über das Geschriebene
Und Arno Lustiger tat sich offenbar auch schwer damit, dass seine Gila mit Innbrunst nach solchen suchte. „Mein Vater wollte den Roman lesen, bevor er fertig war“, erinnert sich die Autorin. „Das habe ich verweigert, erst die Fahnen hat er zu Gesicht bekommen. Bei der ersten Lesung in Berlin saß er dann in der ersten Reihe.“

Gesprochen hätten sie wenig über den Leidensweg des Vaters, beide aber in Büchern, Interviews und Artikeln die Familiengeschichte aufgearbeitet. „Kommuniziert haben wir praktisch nur über das geschriebene Wort“, so Lustiger, die auf Einladung der Brost-Stiftung noch bis Oktober in Mülheim wohnt und arbeitet. Darüber möchten die Zuhörer gerne mehr wissen, etwa was der Aufenthalt im Ruhrgebiet ihr bedeute und was sie besonders berührt habe. Lustiger: „Ich bin mit 17 Jahren weg aus Deutschland und habe jetzt die Chance, mir das Land noch einmal anzuschauen. Das Ruhrgebiet ist eine spannende Region, sie kristallisiert alle Herausforderungen Europas.“ Schnell wird die Debatte lebendig, als sie Begegnungen mit jungen Menschen in Duisburg Marxloh schildert, die sie im Gespräch belauscht. Und aus dem deutsch-türkischen Sprechmix zur Frage kommt: „Was ist hier im deutschen Schulsystem alles schief gelaufen...?“ Baut sich hier gesellschaftliches Konfliktpotenzial auf oder ist es doch nur pubertäres Abgrenzungsgehabe? Wo versagt Politik und wie groß ist die Armut wirklich? Läuft Deutschland Gefahr, irgendwann wie Frankreich zum Schlachtfeld perspektivloser Islamisten zu werden, weil immer mehr Menschen gerade im Ruhrgebiet den Anschluss verlieren?

Lustiger scheint den Perspektivwechsel zu genießen, aus der literarisch-historischen Familienchronik ins Hier und Jetzt der Ruhrgebiets-Realität. Nicht gänzlich unvorbereitet zieht sie das in der WAZ erschienene Porträt der Bäckereiverkäuferin Johanna Kowalski hervor. Und liest zum Abschluss des Abends den Text aus der Reihe „Helden des Alltags“ vor. Die Geschichte einer Frau, die im Gegensatz zu Lustiger offenbar keine Familiengeschichte hat.

„...Mit fünf Jahren sei sie mit dem Bruder und der Mutter aus Polen nach Deutschland herübergekommen. Nein, vom Vater wisse sie nichts. Auch nicht viel von den Großeltern, die in Polen geblieben seien. Erinnern könne sie sich nur an den Bauernhof des Vaters. An Hühner, Schafe und Gänse. Und ja, auch wie ihr Vater die Ernte eingefahren habe. Vage Bilder...“

Nicht nur angesichts gemeinsamer polnischer Wurzeln entsteht Herzensnähe zwischen der Autorin und der Frau aus der Frühstücksbäckerei. Für Lustiger sind es die Menschen, ihr persönliches und bürgerschaftliches Engagement, die das Ruhrgebiet so unverwechselbar machen. Und so gehen die Besucher der Lesung am Ende nicht nur mit Familie Lustiger nach Hause, sondern auch mit Frau Kowalski.

„...Der wohlhabende Süden Essens hat seine Secondhandshops, seine in Handarbeit gefertigten Designobjekte, Wohnaccessoires, Feinkostläden und, ja, auch wirklich guten caffè macchiato... Der Norden hat unter anderem die Frühstücksbäckerei in der Getrudisstraße und natürlich sie: Johanna Kowalski. Merken Sie sich ihren Namen...“
Über Lustigers Roman „So sind wir“ urteilt Google Books
„Die Familiengeschichte der Autorin ist gleichzeitig ihre Auseinandersetzung mit der für Kinder der Überlebenden so grausamen Stille, mit der diese ihre nicht zu verkraftenden Erlebnisse zuzudecken versuchen. Die skurrilen Leseambitionen des Vaters, das Verhältnis der Familie zum neu gegründeten Staat Israel und seiner Daseinsberechtigung, seltsame Überbleibsel einer vergangenen Zeit wie eine Puppe, ein Briefbeschwerer, ein Schuhkarton mit vergilbten Familienfotos, in der Kindheit Erfragtes und Gehörtes, am Ende auch Erfundenes fügen sich zu einer Tragik und Komik eng verbindenden Familienchronik, die gleichzeitig als ein Stück mitteleuropäisch-jüdischer Geschichte wahrgenommen werden kann.“

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