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Debatten-Experiment „Turing-Talk“ – was Maischberger von NRW-Studenten lernen kann

Im Rahmen des „Brost Master Dialogs“ kam Studierenden der NRW School of Governance eine spannende Idee

Kann eine CDU-Frau überzeugend Argumente der Grünen in einer harten Debatte vertreten? Und wie schlägt sich ein Linker im Streit um das Alkoholverbot in der Duisburger Innenstadt, wenn er nur Positionen der SPD einbringen darf – die dem eigenen Standpunkt völlig widersprechen?

Mit einem unterhaltsamen und aufschlussreichen Experiment gingen Studierende der NRW School of Governance im Rahmen des Seminars „Medien und Politik 2017“ von Prof. Dr. Christoph Bieber diesen Fragen auf den Grund. Nach einer Seminarsitzung im Rahmen des „Brost Master Dialogs“ mit Dirk von Gehlen, dem Leiter der Innovationsabteilung der Süddeutschen Zeitung, war den Studierenden eine Idee gekommen, wie man nicht nur politische Talkshows beleben könnte. Gemeinsam mit vier Duisburger Kommunalpolitikern führten Najma Yari, Nicole Aretz, Friederike Haag, Marcus Lamprecht und Michael Schmidt ein Experiment durch: Beim sogenannten „Turing-Talk“ sollten die Politiker nur die Argumente ihrer Gegenspieler vertreten.

Der „Brost Master Dialog“ ist Teil des von der Brost-Stiftung geförderten Projekts „Kommunikationsstress im Ruhrgebiet: Die Gesprächsstörung zwischen Politikern, Bürgern und Journalisten“. Das Projektteam widmet sich der Frage, inwieweit sich im demokratischen Kommunikationsgefüge zwischen politischen und medialen Eliten sowie der Bürgerschaft auch und gerade im Ruhrgebiet Entfremdungstendenzen abzeichnen.

Welche Erkenntnisse der Polit-Talk der anderen Art in diesem Kontext brachte und was die Studierenden sowie Politiker aus dem Experiment gelernt haben, erzählen sie im Interview.
Ihr habt im Rahmen eures Seminars Ideen für eine neue Polit-Talkshow entwickelt. Aber braucht das Fernsehprogramm wirklich noch eine weitere Talkshow?

Najma Yari: Ganz im Gegenteil. Das Talk-Format, das bei den meisten Sendern genutzt wird, finden wir nicht sonderlich spannend. Wir haben das Gefühl, dass diese Runden meist zu keinen neuen Erkenntnissen führen und selten ein echter Austausch von Argumenten, eine wirkliche Debatte entsteht. Das Fernsehprogramm braucht also nicht noch eine, aber andere Debatten. Deshalb wollten wir etwas Spannenderes entwickeln. Unsere Idee war, dass die Gäste unserer Diskussionsrunde aus ihrer Gegenposition argumentieren. Das stärkt den Respekt vor und das Verständnis für die Argumente der Gegenseite.
Und das hat in der Realität funktioniert?

Marcus Lamprecht: Überraschenderweise hat es alles in allem sehr gut geklappt. Wir haben Ende letzten Jahres bei Duisburger Kommunalpolitikern angefragt, ob sie an einem solchen Experiment teilnehmen würden. Von den Grünen, der SPD, den Linken und der CDU kamen positive Rückmeldungen. An unserem sogenannten Turing-Talk haben dann Sebastian Ritter (Bündnis 90/Die Grünen), Gudrun Henne (CDU), Daniela Stürmann (SPD) und Dr. Detlef Feldmann (Die Linke) teilgenommen. Streitthema war das Alkoholverbot in der Duisburger Innenstadt. In unserem Experiment haben dann die CDU und die Grünen ihre Rollen getauscht, die Vertreterin der SPD sollte die bei diesem Thema gegenteilige Meinung der Linken vertreten und umgekehrt. Ein großer Vorteil war, dass wir mit dem Alkoholverbot ein Thema diskutiert haben, bei dem alle Teilnehmer sehr unterschiedliche Auffassungen hatten.

Najma Yari: Wir haben im Vorfeld unseres Experiments dann Positionspapiere für jeden Teilnehmer vorbereitet. Die eigentliche Pointe hierbei war, dass die Politiker die Papiere gar nicht brauchten, da sie ohnehin schon sehr gut vorbereitet waren. Die Politiker haben sich also sehr intensiv mit den Argumenten der Gegenseite auseinandergesetzt.

Marcus Lamprecht: Alle Teilnehmer haben zu Beginn unserer Runde ein kurzes Impulsstatement aus der Perspektive der „gegnerischen“ Partei abgegeben. Dann hätten wir die Diskussion mit Fragen einleiten wollen, aber die Teilnehmer haben schon von alleine auf die Impulse reagiert, also tatsächlich sehr gut miteinander interagiert.

Haben sich die Kommunalpolitiker denn in der Rolle ihres inhaltlichen Gegners wohlgefühlt?
Marcus Lamprecht: Es hat ihnen sogar Spaß gemacht. Ein Problem hat uns allerdings begleitet: Die Teilnehmer neigten dazu, ihre Rollen ironisch überspitzt darzustellen. Ein Stück weit wird dadurch auch Spott über die Positionen der Anderen zum Ausdruck gebracht, was für eine fruchtbare Diskussion nicht von Vorteil ist.

Najma Yari: Dass die Teilnehmer so gut vorbereitet waren, zeigt aber auch, wie ernst sie unser Projekt genommen haben. Am Ende waren sich die Politiker dennoch einig, dass eine Umsetzung unseres Experiments im politischen Alltag nur schwer funktionieren würde. Im Internet könnten die Aussagen, die ja nicht der eigenen Position entsprechen, zu einfach aus dem Zusammenhang gerissen werden. Außerdem wird es für Zuschauer schwieriger, die Argumente der Politiker im Nachhinein wieder zu trennen.
Was steckt eigentlich hinter dem Namen eures Formats?

Najma Yari: Der „Turing-Talk“ geht auf die Idee des ideologischen Turing-Tests zurück, bei dem Teilnehmer die Argumente der jeweiligen Gegenseite so zusammenfassen müssen, dass weder Teile der Argumentation verloren gehen noch falsch widergegeben werden. Dieses Vorgehen hat damit ähnliche Grundzüge wie der aus der Computerwissenschaft stammenden Turing-Test, der überprüft, ob eine Maschine menschliche Kommunikation imitieren kann.

Marcus Lamprecht: Die Idee dazu haben wir uns bei Dirk von Gehlen von der Süddeutschen Zeitung abgeschaut. Er war im Rahmen des Brost Master Dialogs Gast in unserem Seminar und hat vom „SZ Democracy Lab“ berichtet. Bei diesem Mitmach-Experiment durften Leserinnen und Leser per Einsendung und Abstimmung Themen für die Berichterstattung der SZ mitbestimmen. Die ausgewählten Themen wurden im Anschluss an die Abstimmungen auch gemeinsam online sowie bei der Veranstaltung diskutiert. Dabei wurde auch ein Turing-Format mit den damaligen Vorsitzenden der Jusos und der Jungen Union in München ausprobiert.

Wie kam es dazu, dass ihr dann auch selber so ein Experiment durchführen wolltet?

Marcus Lamprecht: Unser Experiment war ja Teil eines Seminars zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Unser Problembefund war der, dass sich öffentlich-rechtliche Medien aktuell unter einem enormen Rechtfertigungsdruck befinden – „Lügenpresse“ und „Staatsfunk“ sind da nur zwei Schlagworte. Das gab uns den Ansporn, über andere Wege der Politikvermittlung nachzudenken und diese selber auch auszuprobieren.
Was habt ihr aus eurem Experiment gelernt? Wäre der Turing-Talk ein Format, mit dem man den Einheitsbrei der Polit-Talkshows auffrischen könnte?

Marcus Lamprecht: Ich denke, dass die Steigerung des Verständnisses für Positionen von Anderen ein großer Mehrwert dieses Formats ist. Das ist in der öffentlich-politischen Auseinandersetzung aber hin und wieder einfach nicht gewollt. Manchmal lebt die politische Diskussion von einer Zuspitzung der Positionen. Nur bei lange ungeklärten Sachfragen ist ein so komplexer Austausch in der Öffentlichkeit wirklich hilfreich. Unser Format lässt sich aber nur schwer medial umsetzen. Najma Yari: Außerdem ist es auch nicht einfach, von einer Meinung, die man hat, abzurücken – vor allem bei politischen Themen.

Was nehmt ihr denn aus der Veranstaltung und dem Seminar für Euch persönlich mit, auch vor dem Hintergrund eures beruflichen Werdegangs?

Marcus Lamprecht: Es war insgesamt ein spannendes Format und auch ein hilfreicher Input von Dirk von Gehlen. Besonders aufregend fand ich auch den Vergleich unseres Turing-Talks mit den Ergebnissen der „SZ Democracy Lab“. Ich bin sehr froh darüber, dass überhaupt so viel Bereitschaft bei den Politikern bestand, an unserem Experiment teilzunehmen und das Konzept auch so ernst genommen wurde.

Zum Hintergrund

Der „Brost Master Dialog“ ist ein praxisorientiertes Lehrformat, das im Masterstudiengang „Politikmanagement, Public Policy und öffentliche Verwaltung“ an der NRW School of Governance angeboten wird. Im Rahmen der Veranstaltungen, die in die Lehrpläne der Seminare integriert werden, sollen Nachwuchskräfte fundiertes und anwendungsorientiertes Expertenwissen zum Themenbereich Politk- und Medienverdrossenheit erlangen. Die Veranstaltungsreihe ist Teil des von der Brost-Stiftung geförderten Projekts „Kommunikationsstress im Ruhrgebiet: Die Gesprächsstörung zwischen Politikern, Bürgern und Journalisten“.
Najma Yari: Für mich persönlich war es einfach eine ganz spannende Erfahrung, selber einmal eine Diskussionsrunde zu moderieren. Ich kann mir gut vorstellen, das im Seminarkontext zu wiederholen!

Das Interview führte Kazim Celik, Mitarbeiter im Projekt „Kommunikationsstress im Ruhrgebiet: Die Gesprächsstörung zwischen Politikern, Bürgern und Journalisten“

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