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Bernd Tönjes – Der „Bergbau-Manager“

In der Reihe: Helden des Alltags
Von Gila Lustiger


Er empfängt mich mit seinem Leiter der Kommunikation und ich weiß sofort, dass es nicht leicht wird, das zu erfahren, wofür ich hierhergekommen bin. Das Büro riecht neu. Der große, schlichte Arbeitstisch steht so, dass man aus der Fensterfront auf Gerüste und Rohre schaut. Auf viel Braun und Rost und Grau und ein wenig Grün – da, wo ein Rasen in schmalen Bändern den Unternehmenssitz der RAG einfriedet.

Abschied vom Bergbau
Das Jahr 2018 ist ein schmerzhaftes Jahr für Bernd Tönjes und die Bergleute, die geblieben sind. Die Zahlen werden wie magische Zeichen stets aufs Neue wiederholt. In jedem Zeitungsartikel, jeder Dokumentation, jedem Film, der vom Ausstieg aus der Steinkohle berichtet: 600 000 Menschen hat der Bergbau in den besten Zeiten Arbeit gegeben. Nun sind es ein paar Tausend, die am 21. Dezember auf der Zeche Prosper Haniel in Bottrop ein letztes Mal Kohle aus dem Flöz kratzen werden. Ich habe mich auf das Gespräch vorbereitet. Ich habe sämtliche Interviews gelesen, die Bernd Tönjes im letzten Jahr gegeben hat. Immer wieder betont er, dass es wehtut. Seit über 30 Jahren sei er Bergmann. Sein Vater, sein Onkel, seine Cousins, beide Großväter: Alle seien Bergleute gewesen. Die Politik, sagt Bernd Tönjes, hätte sich eben für den Ausstieg aus der Steinkohle entschieden. Man hört zwischen den Zeilen nicht nur Trauer heraus, sondern ein klein wenig Verbitterung.

Das Ruhrgebiet hat Generationen von Bergleuten hervorgebracht. Die harte, gut bezahlte Arbeit unter Tage hat zigtausende in die Region gezogen. Schaut man sich die Lohnlisten der Ruhrgebietszechen an, so wird man polnische, italienische, slowakische, koreanische, türkische ... Namen finden. „Kumpel Anton heißt jetzt Hassan“ betitelt eine Zeitschrift der 1970er Jahre diese Verwebung von Sprachen, Sitten und Kulturen, die das Revier so einzigartig macht.

Aber trauern die Menschen heute noch der Montanindustrie nach? Um dies zu erfahren, begebe ich mich ins Centro. Einmal stand dort ein Stahlwerk samt Zeche, heute versuchen 220 Einzelhandelsgeschäfte auf zwei Ebenen Tausende von Kunden in ihre Läden zu locken. Es ist voll in der Shopping Mall in Oberhausen am Samstagnachmittag. Ich gebe mir einen Ruck und gehe auf Menschen mit Tüten zu. Ob sie wissen, dass Deutschlands letzte Steinkohle-Zeche im Dezember schließt. „Ja? Nein? Also was nun?“, frage ich und ernte Achselzucken. Nach einer Viertelstunde hält endlich eine ältere Dame.

„Hier geht ein wichtiges Kapitel unserer Geschichte zu Ende”, sinnierte sie, doch bevor sie ihre Gedanken vertiefen kann, kommt die Enkelin aufgeregt angelaufen. Das IPhone sei in rosa erhältlich. Da entschuldigte sich meine einzige Gesprächspartnerin und eilte davon.

Kollektive Verklärung
Der Wechsel von einer Industrie- zu einer Dienstleister-Region ist längst vollzogen. 73 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten als Dienstleister. Dem Feinstaub, den Eckkneipen, den Schrebergärten mit Deutschlandfahnen, den Bergmannssiedlungen und Trinkhallen … kurz, den Attributen eines Arbeiterlebens trauert keiner ernsthaft nach. In Wirklichkeit ist das nichts anderes als kollektive Verklärung. Nostalgie gedeiht besonders in Zeiten des Wandels. Wenn Menschen den politischen und ökonomischen Entwicklungen bange entgegensehen. Wenn sie ein wenig Angst haben vor der Zukunft. Freilich wünschen wir uns alle jene Zeiten zurück, in denen wir uns einer sicheren Anstellung gewiss waren. Aber ein Arbeiterleben mit all seinen Härten, das wollen heute höchstens noch Arbeitslose leben.

Ich erzähle Bernd Tönjes von meinem Nachmittag im Centro. Und schäme mich sogleich. Viele hätten mit dem Thema mental schon abgeschlossen, gesteht er mir ein. Für die Region hätte die Schließung der allerletzten Zeche keine konkreten Konsequenzen. Dann berichtet er mir vom Neujahrsempfang der Bergbau-Gewerkschaft IGBCE in Gelsenkirchen. Dem letzten Neujahrsempfang bei noch laufendem Bergbau. Zur Eröffnung hätte der Ruhrkohlechor gesungen. In der ersten Reihe hätten die Bergleute gestanden und geweint. Er sei dann aufgestanden und habe zu ihnen gesprochen. „Der Bergbau hört auf, aber Männer, noch nicht am Anfang des Jahres.“ Sie hätten noch ein anstrengendes Jahr vor sich, hat er sie ermutigt: „Wir müssen Kohle fördern und den Job gut machen!” Erst dann würden sie gehen, „erhobenen Hauptes.”

Tönjes ist Bergmann durch und durch
Was ist das für ein Manager, der zu „seinen Männern” spricht? Der sagt, man müsse „den Job gut machen”, um dann „erhobenen Hauptes” zu gehen? Es ist einer von ihnen. Von seiner Kindheit erzählt Bernd Tönjes, der 1955 in Dorsten zur Welt kam, nur eine Geschichte. Wie er seinen Vater, Bergmann in zweiter Generation, immer wieder bedrängt habe, ihn mit ins Bergwerk zu nehmen. Denn das Bergwerk, von einer Mauer umzäunt, ist die geschichtsumwobene Stadt in der Stadt. Kindern und Frauen ist der Zugang verwehrt.

In allen Kulturen gibt es Einweihungsrituale, durch die ein Knabe in die Gesellschaft der Männer aufgenommen wird. Im Christentum ist es die Firmung oder Konfirmation, im Judentum die Bar Mitzwa, im Revier die erste Grubenfahrt. Mit vierzehn nimmt ihn der Vater schließlich mit unter Tage. Die Eindrücke prägen sich dem Jungen so ein, dass der Mann noch heute vom Geruch der Öle und des Holzes, vom ohrenbetäubenden Geräusch der imposanten Maschinen schwärmt.

Wie finanziert sich der Sohn eines Bergmanns sein Bergbaustudium in Aachen? Indem er in den Ferien in der Heimzeche arbeitet. An Weihnachten. Zu Silvester. In den Osterferien. An Wochenenden und in Nachtschichten. Es reicht nicht nur für den Lebensunterhalt. Er kann sich sogar das leisten, wovon junge Männer träumen und wofür sie „malochen” müssen, wenn sie auf der falschen Seite der A40 aufgewachsen sind: Sein erstes Auto, einen grünen VW Käfer, ertrotzt er sich unter Tage. Tönjes’ Lebenslauf liest sich wie das, was es ist: Eine Karriere, in der einem nichts geschenkt wird. 1982 fängt der Diplom-Ingenieur als technischer Angestellter unter Tage an. 1983 wird er Fahrsteiger. Nach einem halben Jahr wird er Reviersteiger, dann Obersteiger, Grubenbetriebsführer... Was dem Manager von den vielen Schichten bleibt – insgesamt wird er sieben Jahre unter Tage verbringen – ist das „Erlebnis der Gemeinschaft”. Nein, sie sind nicht alle gleich. Auch im Bergbau gibt es Hierarchien. Aber eins sind sie alle – Bergleute. Als ich ihn bitte, mir diese Erfahrung zu beschreiben, bringt er es auf den Punkt: „Man geht in die Kaue, man zieht sich um, der Helm wird aufgesetzt, dann geht man zum Schacht und durch diese Arbeitskleidung wird man Bergmann.”

Ich lasse mir von Bernd Tönjes die Rahmenvereinbarung zeigen, die am 14. August 2007 die „sozialverträgliche Beendigung des subventionierten Steinkohlebergbaus in Deutschland” eingeläutet hat. Ich sehe seine Unterschrift und frage ihn wie er sich gefühlt hat. Er habe viel Rotwein gebraucht und gute Freunde, sagt er lakonisch. Auf welcher Seite er bei den Verhandlungen gestanden habe, will ich wissen, Arbeitgeber oder Arbeitnehmer? Er antwortet: „Ich bin Vorstandsvorsitzender der RAG”, und fügt nach einer Pause hinzu: „Aber für soziale Gerechtigkeit.” Dann verschanzt er sich hinter Fachwissen. Ich verstehe die Erklärungen voller Fachbegriffe nicht, bemerke aber, dass das Wort „sozialverträglich” gleich fünfmal fällt.

Glück auf!
Jahrzehntelang galt das Ruhrgebiet als das industrielle Herz Deutschlands. Dies ist nun vorbei. Jahrzehntelang haben große Kohle- und Stahlunternehmen das Revier dominiert. Auch dies ist dabei sich zu ändern. Im Dezember findet nun der Schlussakt statt. Das Ende kam jedoch nicht brüsk. Die ersten Feierschichten wurden 1958 gefahren. Mitte der 1960er wurden 25 Zechen stillgelegt. Es folgten Mahnwachen und Streiks, die die Republik erschütterten. Der Streik von 100 000 Arbeitern, die anlässlich der geplanten Schließung des Krupp-Stahlwerks in Duisburg-Rheinhausen ihre Arbeit niederlegten, hat sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Das Ruhrgebiet ist nicht nur Ort der Montanindustrie, sondern Ort der Menschenketten, der Fackelzüge, der SPD als große Volkspartei, der Gewerkschaften, der Arbeiterwohlfahrt. Es ist ein Ort der Sehnsucht, an dem der kollektive Traum der sozialen Gerechtigkeit geträumt wurde. Es ist ein Ort, der solche Führungskräfte wie Bernd Tönjes hervorgebracht hat. Ob es im Revier auch weiterhin Manager geben wird, die nicht nur über Shareholder Value faseln, sondern den Mut haben das Wort „sozialverträglich” mitzudenken, wird die Zukunft zeigen.

Ich sage Bernd Tönjes zum Abschied etwas Unangemessenes. Es überrumpelt nicht nur ihn, sondern auch mich. „Bitte passen Sie auf sich auf”, sage ich. Erst als ich wieder draußen bin und auf die Gerüste und Rohre schaue, auf viel Braun, Rost und Grau und ein wenig Grün, da, wo ein Rasen in schmalen Bändern den Unternehmenssitz der RAG einfriedet, fällt mir ein, was ich ihm, dem Manager, der zu seinen Männern spricht, hätte wünschen sollen: „Glück auf!”

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