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Bei Prävention braucht die Polizei Freunde und Helfer

Sie ist allein im Kampf gegen Kriminalität und Terror überfordert. Eine von vielen Erkenntnissen des 2. Symposiums „Das Ruhrgebiet – ein sicheres Stück Deutschland?“

„Wir müssen das Thema Integration und damit verknüpft Prävention völlig neu denken!“
Mit dieser Forderung im Vorfeld hatte Frank Richter, Polizeichef von Essen und Mülheim, die Latte für das 2. Symposium der Veranstaltungsreihe „Das Ruhrgebiet – ein sicheres Stück Deutschland?“ bereits hoch gelegt. Und darüber hinaus das Thema der Vortrags- und Diskussionsrunde bewusst zugespitzt formuliert: „Prävention – ein Weg in die Sackgasse?“. Zumindest Neugier für die vom Gesprächskreis Innere Sicherheit gemeinsam mit der Brost-Stiftung durchgeführten Veranstaltung lösten Richters steile These sowie die Fragestellung aus. Über 100 Zuhörer und Medienvertreter füllten den Saal im Essener Tagungshotel Franz – sie wurden mit ihren Erwartungen nicht enttäuscht. In vier Vorträgen sowie einer abschließenden Podiumsdiskussion, bei der die Experten Fragen aus dem Publikum beantworteten, entstand ein ambivalentes Bild des komplexen Bereichs der Vorbeugung von Straftaten.
Mit spannenden Fragestellungen, wie etwa „Warum verhindert Videoüberwachung KfZ-Diebstähle – nutzt aber wenig gegen Gewaltkriminalität?“. Mit Thesen, die spontan beunruhigen: „Deutsche Polizisten sind im Kampf gegen die Radikalisierung junger Muslime überfordert“. Mit statistisch belegter Ursachenforschung für das Versagen der Gesellschaft: 83 Prozent aller jugendlichen Straftäter (Alter 8-14 Jahre) kommen aus einem prekären Wohnumfeld! Mit der erschreckenden Erkenntnis, dass die mediale Inszenierung von Terroranschlägen weitere Menschenleben fordert. In den ersten sieben Tagen nach einem Terroranschlag folgt ein weiterer, der im Durchschnitt drei Menschen tötet. Ein terroristischer Werther-Effekt...
Marcus Kober vom Zentrum für Kriminalprävention führte unter dem Titel „Prävention – aber richtig“ in die Chancen und Herausforderungen des Themenfeldes ein. Prävention sei eine bestechende Idee, weil es logischerweise besser sei, Verbrechen vorzubeugen als sie zu ahnden. Gleichzeitig dient sie dem Opferschutz. Vorbeugung gewinnt ihre Relevanz aber auch aus der Tatsache, dass die repressive Bekämpfung von Straftaten Grenzen hat und viele Kriminalitätsursachen mit Mitteln des Strafrechts kaum zu beeinflussen sind.
Um Effizienz und Nachhaltigkeit präventiver Maßnahmen sicher zu stellen, braucht es laut Kober noch sehr viel mehr Evaluation: „Wie sicher wissen wir was wirkt? Was wirkt warum? Welche Maßnahmen haben zur Wirkung beigetragen?“. Am Beispiel einer Studie aus England stellt er die Problematik von Videoüberwachung bei der Vorbeugung von Straftaten heraus. „Sie wirkt zum Beispiel bei der Verhinderung von KfZ-Diebstählen in Parkhäusern. Weil die Täter rational handeln, das erhöhte Risiko, gefasst zu werden, abwägen. Aber ein Gewalttäter reagiert emotional und spontan, lässt sich nicht durch Kameras im öffentlichen Raum abschrecken.“ Man könne also nicht grundsätzlich über die Wirksamkeit von Videoüberwachung befinden, sie wirke nur unter bestimmten Rahmenbedingungen.
Neben der Evaluation mahnt Kober eine Professionalisierung der rund 600 in der Prävention tätigen Gremien an. „Es werden immer noch viele handwerkliche Fehler gemacht, vor allem bei der Beschreibung der Ziele. Wer unpräzise plant, Jugendkriminalität allgemein vermeiden oder reduzieren zu wollen, muss scheitern.“
Dr. Marwan Abou-Taam, Politikwissenschaftler beim LKA Rheinland Pfalz, beleuchtete im zweiten Vortrag den politischen Islam und die Mechanismen der Radikalisierung. Im Kern thematisierten fundamentalistische Konzepte den ewigen Kampf zwischen „Gut“ und „Böse“. Jungen Menschen werde suggeriert, man habe ein Recht zur Gewaltausübung, weil sie auf der Seite der Guten die Welt vom Bösen befreien müssten. Durch Vereinfachung komplexer Zusammenhänge würde dieses Weltbild gestärkt. Geschichte werde mythologisiert, Helden und Vorbilder in der Rückschau konstruiert. Zur Rechtfertigung eigener Taten und der Verteidigung des eigenen Standpunktes werde der Koran an einigen Stellen bewusst fehlgedeutet (Diktatur des Textes).

Die Darstellung zeigt, dass selbst junge Muslime der zweiten und dritten Generation noch immer Ausgrenzungserfahrungen in unserem Land machen

Die Radikalisierung ist aus Sicht von Abou-Taam, der alle Reden von Osama bin Laden ausgewertet und in einer kommentierten Fassung herausgegeben hat, aufgrund zweier Voraussetzungen erfolgreich. Zum einen knüpfe sie an vorhandene Vorurteile in der islamischen Mehrheitsgesellschaft.

Entscheidend im erfolgreichen Prozess der Radikalisierung seien jedoch die zahlreichen Frustrationserlebnisse vieler junger Muslime (siehe Grafik). Innerhalb traditioneller Familie stießen sie auf Ablehnung, wenn sich zu sehr der deutschen Gesellschaft anpassen. Auf der Straße würden sie jedoch als Araber oder Muslim beschimpft. In diesem Dilemma vermitteln radikale Gruppen dann Zugehörigkeitsgefühl und Wertschätzung. Gleichzeitig erfolge die Umdeutung der eigenen Biographie, wenn z.B. fehlender Bildungserfolg nicht auf eigenes Versagen sondern auf grundsätzliche „Benachteiligung“ zurückgeführt werde. Nicht nur in diesem Prozess weist Abu-Taam auf Parallelen zum Rechtsextremismus hin!

11 verschiedene Islamisten-Gruppen sind in Deutschland aktiv, aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern. Ohne Islam-Experten ist die Polizei hier überfordert

Die Schwierigkeit präventiver Polizeiarbeit liegt nach seiner Darstellung auch in der Vielzahl islamischer Gruppierungen (siehe Grafik): „In Deutschland sprechen wir von elf verschiedenen Islamismen. Damit ist jeder deutsche Polizist überfordert. Moderne Polizeiarbeit sucht sich Bündnispartner, die das besser können.“ Effiziente Prävention müsse auch die Situation bereits straffällig gewordener junger Menschen im Blick behalten. Abu-Taam: „Nach einer Strafe ist die soziale Situation oft noch schlechter als vorher. Aber hier setzen kaum Präventionsangebote an.“

Mit diesem Denkanstoß schlug er gedanklich die Brücke zum Projekt „Kurve kriegen“, das der Essener Kriminalhauptkommissar Mark Steffen Daun vorstellte. Eine vom Land NRW mitfinanzierte Initiative, in der multiprofessionelle Fachkräfteteams in täglicher Netzwerkarbeit die Entwicklung junger Straftäter zu Intensivtätern bekämpfen.
Durchaus erfolgreich, betrachtet man das verlässliche Miteinander von Polizei, Sozialarbeitern, Schuldenberatern und fremdsprachiger Integrationsmittler. Deren nachhaltiges Konzept sicherte die Landesregierung gerade für weitere sechs Jahre finanziell ab. 40 Prozent der landesweit betreuten Jugendlichen kriegen tatsächlich die Kurve und finden einen geraden Weg ins Leben.

Erschreckende Zahlen: Ein jugendlicher Intensivtäter hat bis zum 25. Lebensjahr im Durchschnitt 100 Opfer und Schaden in Millionenhöhe angerichtet

Betroffen machen dennoch die absoluten Zahlen, die Daun vorstellte (siehe Grafik). Allein im Raum Essen/Mülheim erfasste das Interventionsraster der Polizei 600 Jugendliche (oder sagt man besser Kinder?) im Alter von 8 bis 14 Jahren. Jeder von ihnen beging bereits mindestens vier Straftaten, es drohte das dauerhafte Abgleiten in die Kriminalität. „Eintrittskarte“ ins Programm waren mindestens ein Gewaltdelikt sowie drei Eigentumsvergehen! Daun: „Aus den 600 blieben nach Auswertung 80 junge Menschen übrig, die wir in diesem Jahr bei ‚Kurve kriegen‘ betreuen konnten. Darunter sind Achtjährige, die bereits mehrfach verurteilt wurden und bereits Drogenerfahrungen hinter sich haben.“
Im Zahlenwerk wird deutlich, wo Polizeiarbeit an die Grenze stößt und gesellschaftliches Versagen ursächlich wirkt: 83 Prozent der von Absturz bedrohten Kids wachsen in einem prekären Wohnumfeld auf! 85 Prozent sind vom bereits kriminellen Freundeskreis geprägt, 73 Prozent fehlt jegliche Tagesstruktur. Von den 1200 landesweit im Projekt „Kurve kriegen“ betreuten Jugendlichen wurden 60 Prozent rückfällig.
Daun verweist dennoch auf die Erfolgsgeschichte(n): „Mit jedem eingesetzten Euro sparen wir drei Euro, die die Gesellschaft für den insgesamt angerichteten Schaden jugendlicher Krimineller aufbringen müsste.“ Nach im Schnitt einem Jahr und sechs Monaten verlassen die jungen Straftäter das Programm, derzeit werden in Essen noch 30 bis 35 von ihnen betreut. Nach etwas mehr als zwei Jahren haben nur (?) drei nicht die Kurve gekriegt, sind inzwischen als Intensivtäter aktenkundig...

Die ambivalente Gefühlslage im Publikum wurde beim finalen Vortrag des vielfach ausgezeichneten Zeit-Journalisten Bastian Berbner noch einmal nachhaltig erschüttert. In provozierender Klarheit setzte er sich mit der Frage auseinander „Verantwortungsvolle Berichterstattung über Terrorismus – eine unmögliche Aufgabe?“.
Auf Grundlage verschiedener Terroranschläge weist Berbner ein wiederkehrendes Muster in der terroristischen Eskalation nach. Auf einen Anschlag erfolgt extensive Berichterstattung in allen Medien. Die Folge sind Überreaktionen von Gesellschaft und Polizei, mit denen Gewalttäter neue Anschläge rechtfertigen. Die dann erneut großflächige Berichterstattung und Verängstigung auslösen. Angst bleibt bei jeder Art von Berichterstattung über Täter, Opfer oder Hintergründe als von den Terroristen gewünschter Effekt zurück.
Die weitaus fataleren Folgen weltweiter Schlagzeilen förderte eine Analyse von insgesamt 60000 Terroranschlägen zu Tage: In den nächsten sieben Tagen nach einem Anschlag motiviert u. a. die große Berichterstattung Nachahmer, deren Aktionen durchschnittlich drei weitere Menschenleben kosten.

Berbner leitet daraus als Denkanstoß die Forderung nach neuen Gütekriterien für die Berichterstattung über Terror ab: „So wenig wie möglich, soviel wie nötig. Nur wenn es etwas Neues gibt, statt medialer Dauerschleifen mit ständig neuen Spekulationen. Keine Schlagzeilen, sondern weiter hinten in Zeitungen und Nachrichtensendungen. Nüchtern, so wenig wie möglich über den Täter, kein Foto oder Namen.“ Vor allem sollten sich die Verantwortlichen von der Täter-Terminologie distanzieren, statt von „Kriegern oder heiligem Krieg“ besser von „Kriminellen“ reden.
In Zeiten von unkontrollierbaren sozialen Medien, latenten „Lügenpresse“-Vorwürfen sowie massivem ökonomischen Druck ist sich Berbner des Dilemmas der Branche bewusst. Er erinnert jedoch daran, dass es im Pressekodex sehr wohl bereits ein Gebot der Selbstbeschränkung in Fällen von Suizid gebe. Man nenne keine Namen, zeige keine Fotos – um den bekannten Werther-Effekt zu vermeiden. Mit belegbaren positiven Resultaten.

Berbner: „Es ist ebenso belegbar, dass deutlich weniger Berichterstattung deutlich weniger Tote zur Folge hat.“

Eine Steilvorlage für die abschließende, von Anja Bröker (WDR) moderierte Podiumsdiskussion, an deren Ende Frank Richter in bekannter Schärfe das Schlusswort setzte: „Ich möchte abschließend mit dem Vorurteil aufräumen, die Polizei beschäftige sich nur deshalb mit Prävention, weil sie weniger arbeiten will. Also verhindert, das künftige Kunden herangezüchtet werden. Ich finde es toll, dass am Ende einer solchen Veranstaltung noch so viele Fragezeichen bleiben!“

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